Zum Inhalt springen

Kategorie: Leben

In letzter Minute

Habt ihr schon alle Weihnachtsgeschenke oder macht ihr es wie meine Protagonistin Amira, die mal wieder auf den letzten Drücker unterwegs ist? Kann ganz schön stressig werden …

Entschlossen schob Amira ihren Fuß in den Eingang, so dass der hagere Verkäufer daran gehindert wurde, die Tür zum einzigen Ort, an dem sie ein Weihnachtsgeschenk für ihre überaus anspruchsvolle Großmutter bekommen würde, vorzeitig zu schließen.

Weihnachtsgeschenke auf den letzten Drücker? Stressig!!!

„Wir haben geschlossen!“, konstatierte dieser mit französischem Akzent, der ihn im Zusammenhang mit der nach oben gereckten Nase sehr hochnäsig erscheinen ließ.

„Es ist fünf Minuten vor eins. Sie schließen erst um ein Uhr, folglich haben Sie geöffnet“, bemerkte sie erbost und deutete auf die Anzeige in ihrem Handy.

„Es ist ein Uhr und wir haben geschlossen“, beharrte der Mann und versuchte nunmehr, gewaltsam die Tür zu schließen.

„Ich brauche unbedingt noch zwei silberne Behring-Zuckerlöffel.“

Sie verlegte sich aufs Betteln und sah den Mann flehend an.

„Wenn man so etwas unbedingt braucht, kann man durchaus auch etwas früher kommen!“

Der Mann verschränkte tadelnd die Arme vor der Brust.

Kann man. Hatte sie aber einfach nicht geschafft. An dem einzigen Tag, an dem sie in diesem Jahr Weihnachtsgeschenke hatte kaufen können, hatte sie bereits um Viertel vor zehn vor dem großen Kaufhaus zwei Straßen weiter gewartet, um jede Minute der knappen Zeit, die die Geschäfte am Heiligabend geöffnet hatten, auszunutzen.

Doch die Ladenzeilen waren so stark gefüllt gewesen, dass allein der Weg von einem Geschäft ins andere eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Geschweige denn die Schlangen an der Kasse. Mussten denn alle Menschen ihre Einkäufe auf den letzten Drücker machen? Es steckten doch nicht alle grad in einer Theaterproduktion, die einem kaum Luft zum Atmen ließ. Sie konnte schon froh sein, dass der ehrgeizige Regisseur sie nicht noch am 24. Dezember zum Proben antanzen ließ. Die Anfrage, ob vielleicht zwischen den Jahren auf Proben verzichtet werden könnte, hatte er empört abgewiesen.

Sie sah auf die Uhr. „Bitte. Ich schenke jedes Jahr meiner Großmutter einen silbernen Behring-Löffel und ich habe es schon letztes Jahr einfach nicht geschafft. Sie sind das einzige Geschäft in Oldenburg, dass diese Löffel noch führt.“

Sie legte flehend die Hände zusammen. „Wer weiß, ob meine Großmutter das nächste Weihnachtsfest überhaupt noch erleben wird!“, sagte sie dramatisch.

Leicht angeekelt sah er sie an und sie kapierte schlagartig, dass er immun gegen weibliche Tränen war.

„Was denken Sie, geht mich Ihre Großmutter an? Interessiert es Sie etwa, dass mein armer Hund wegen Ihnen länger auf seinen Auslauf warten muss? Wieso muss ich mir Ihre Geschichten anhören?“

„Ich zahle Ihnen den doppelten Preis, dann können Sie ihrem Hund ein tolles Leckerli mitbringen!“

„Wollen Sie mich jetzt total verarschen? Das ist nicht mein Geschäft, von einem doppelten Preis hat ja wohl nur mein Chef etwas.“

„Muss doch keiner etwas davon mitkriegen“, versuchte sie es nochmal.

Ein entschlossener Ausdruck erschien im Gesicht ihres Gegenübers und ehe sie es sich versah, trat er ihr so tüchtig auf den Fuß, dass sie ihn automatisch wegzog. Triumphierend schloss er die Tür, und zeigte ihr von drinnen einen Vogel.

Hektisch überlegte sie, wo sie jetzt ein alternatives Geschenk bekommen konnte. Doch in den Geschäften in der Straße gingen bereits die Lichter aus. Sie verwarf den Gedanken, etwas an der Tankstelle zu besorgen, postwendend wieder, überlegte dann, ob es in ihrer Wohnung irgendetwas geben konnte, dass sich als Geschenk umfunktionieren ließ – nein. Sie hatte im vergangenen Jahr die winzige Wohnung akribisch ausgemistet und alles weggegeben, was sie nicht dringend brauchte.

Sie drehte sich um und stieß frontal mit einem großgewachsenen Mann zusammen, der einen Stapel Geschenke mit sich trug. Die beiden oberen machten sie selbständig und segelten zu Boden, in eine große Pfütze. Hastig hob Amira sie auf.

„Tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen!“, sagte sie und stapelte die beiden triefenden Pakete wieder auf den Armen ihres Gegenübers.

Ihr fiel auf, dass sie einen ziemlich gutaussehenden Mann vor sich hatte, großgewachsen, mit einem markanten Kinn und leuchtenden blauen Augen.

„Schon gut“, sagte der Mann und betrachtete das Desaster. „Da werde ich mich wohl doch noch mal selbst ans Verpacken machen müssen. Ärgerlich, aber keine Katastrophe.“

Er lächelte und zwei sympathische Grübchen zeigten sich auf seinen Wangen.

„Da bin ich ja erleichtert“, erwiderte Amira und wollte weitergehen.

Doch der Mann hielt sie zurück. „Haben Sie gerade vor verschlossener Tür gestanden?“, fragte er neugierig.

Amira nickte. „Ja, leider, dabei war ich eigentlich drei Minuten vor Ladenschluss da. Aber auch die Verkäufer wollen vermutlich Heim zu ihren lieben.“

„Was wollten Sie denn kaufen?“, erkundigte der Mann sich.

„Meine Oma sammelt eine bestimmte Sorte silberner Löffeln, die ich in keinem anderen Geschäft gefunden habe. Hier liegen sie im Schaufenster, aber ich bekomme sie trotzdem nicht, weil ich einfach zu spät dran war.“

Er grinste.

„Das kenne ich. Ich bin auch immer zu spät dran. Meine Schwester wird mit mir schimpfen, wenn ich ihr nicht bald die Geschenke liefere, die ich ihr versprochen habe.“

„Für ihre Schwester? Ich dachte, der Berg hier wäre vielleicht für Ihre Kinder.“

Er winkte ab. „Nein, die habe ich leider noch nicht. Und Sie?“

Nun sah er sie neugierig an und Amira fiel auf, wie sehr es sie freute, dass er nicht für seine eigenen Kinder einkaufte.

„Oh nein. Momentan bin ich mit meinem Job verheiratet. Da kann ich nicht noch mehr Aufgaben gebrauchen.“

„Eine kann ich Ihnen abnehmen“, lächelte er. „Wenn sie mal kurz halten würden.“

Er drückte ihr den sperrigen Berg Pakete in die Arme. Dann zog er einen Schlüsselbund aus der Tasche und beugte sich vor, um die Tür vor sich aufzuschließen.

Amira sah überrascht zu.

„Haben Sie für alle Läden in der Stadt einen geheimen Schlüssel? Das könnte wirklich nützlich sein.“

„Nur für meinen eigenen. Falls Sie also noch eine exklusive Beratung bezüglich der Teelöffel wünschen, stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung.“

Er deutete eine Verbeugung an und nahm ihr die Pakete wieder ab.

„Das mit der Verfügung klingt toll“, entgegnete Amira und trat ein. Manchmal jagte man das eine und bekam das andere, dachte sie bei sich und lächelte.

Dies ist ein Beitrag des wunderbaren Autorenadventskalenders, bei dem ich auch in diesem Jahr wieder dabei sein kann! Lest euch auch gern die anderen Geschichten durch, es gibt ein paar tolle Schätze zu entdecken!!!

Foto: Pixabay

Leave a Comment

Wird es irgendwann so sein, wie es war?

Für mich, wie vermutlich für viele andere auch, waren die letzten Wochen geprägt von starken Unsicherheiten. Ständig hin- und hergerissen zwischen dem Stalken von Nachrichten zum Verlauf der Pandemie und dem Versuch, gar nichts mehr davon hören zu wollen und das Beste aus einer schwierigen Zeit zu machen.

Im Endergebnis war ich irgendwann so sehr beschäftigt, die Anforderungen des Alltäglichen zu erfüllen und mich an die surrealen Situationen auf Straßen und in Supermärkten zu gewöhnen, dass ich kaum noch einen Satz geschrieben haben. Wie auch? Aufgefressen von Sorgen, aber auch ständig in innerer Diskussion um eine ganz wesentliche Frage: Wird es irgendwann wieder so sein, wie es war?

Dazu kommt für Autoren ein weiteres Problem: Kann man noch die Welt, das Alltägliche von früher beschreiben? Immerhin schreibe ich über menschliche Nähe. Wie aber würde die in Zeiten von Corona aussehen? Ich habe keine Erfahrung darin, wie man im Lockdown die wahre Liebe findet. Gibt es vielleicht jemanden von euch, der so etwas erlebt hat oder gab es in der Zeit einfach gar keine neuen Beziehungen?

Oder auch: Möchte das überhaupt jemand lesen? Vielleicht ist es schöner, sich mit einem mitreißenden Roman in eine andere, unkomplizierte Welt zu flüchten, in die Welt vor sozialer Distanzierung und Gesichtern, in denen noch höchstens die Augen lächeln können.

Momentan habe ich mich für Letzteres entschieden. Langsam habe auch ich mich an das gewöhnt, was mir zuerst unmöglich erschien, und arbeite weiter an Geschichten, die noch in einer anderen Wirklichkeit spielen.

Bald gibt es wieder etwas Neues zu lesen. Bis dahin: bleibt gesund!

Foto: Pixabay
Leave a Comment

An alle Kaffeejunkies

Gibt es noch jemanden von euch, der ohne Kaffee morgens gar nicht in Gang kommt? Ich oute mich hier mal als totaler Kaffeejunkie. Am liebsten den guten italienisches Espresso. Im Notfall trinke ich aber auch alles, das im Entferntesten an Kaffee erinnert.

Da macht es mir meine Protagonistin Charlie aus „Puccini zum Frühstück“ übrigens nach.

Hier eine kleine Kaffeeszene:

Mit einem Ruck sprang sie aus ihrem Bett, ignorierte die zerwühlten Laken und eilte unter die Dusche. Wie hatte sie ihr Vorstellungsgespräch vergessen können? Noch nicht einmal ihre Sachen waren gepackt. Außerdem wollte sie sich eigentlich noch die Haare glätten und ihre Bluse musste dringend gebügelt werden. Doch dafür war keine Zeit mehr. Eilig zog sie Jeans und Pullover an, warf frische Kleidungsstücke und Kulturbeutel in den Koffer und schnappte sich ihre Laptoptasche. Um elf Uhr dreißig stapfte sie im Stechschritt los.

Eine eisige Brise blies ihr den Regen ins Gesicht und es wunderte sie nicht, dass sie außer Hundebesitzern keiner Menschenseele begegnete. Bei dem Wetter würde sie auch lieber die Füße auf die Heizung legen. Ihr Zug stand bereits am Gleis, als sie keuchend hinaufkam. Sobald sie eingestiegen war, schlossen sich die Türen hinter ihr. Völlig erschossen sank sie in einen der Sitze und musste zunächst tief durchatmen.

»Kaffee?«, fragte ein Mann, der einen Wagen mit Snacks durch den Gang bugsierte. Sie nickte dankbar.

Mehr davon? Hier geht es zu Leseprobe auf Amazon

Leave a Comment