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Kategorie: Blog

Driving home for Christmas

Um ein peinliches Geheimnis zu bewahren, überredet Studentin Kate ihren Pannenhelfer, sich an Weihnachten als ihr Freund auszugeben und nimmt ihn mit in die beschauliche Kleinstadt Dawsonville in Vermont. Sie ahnt nicht, dass er ein berühmter Rockstar auf der Suche nach seinen Wurzeln ist. Als er die ausgerechnet in Kates Heimatstadt zu finden glaubt, nimmt das Chaos seinen Lauf. 

Lest hier exklusiv und als Teil des großartigen Autoren-Adventskalenders den Beginn meines vierten, noch unvollendeten Romans. Frohe Weihnachten!

Dicke Schneeflocken segelten auf die Windschutzscheibe des Buicks, den ihr Vater ihr zum Beginn ihres Studiums geschenkt hatte, stolz darauf, dass sie sich nun doch für Yale entschieden hatte, anstatt nach Paris zu gehen. „Damit du immer nach Hause kannst, wenn dir danach ist.“ 

Das war typisch für ihren Vater und den Helden ihrer Kindheit. Alles würde er tun für seine „Prinzessin“, wie er sie nannte, für das Nesthäkchen der Familie. Wie gut, dass er nicht ahnte, dass Kate triftige Gründe hatte, ihre kleine Heimatstadt in den Hügeln von Vermont zu meiden und eigentlich in nächster Zeit nicht geplant hatte, zurückzukommen. Geheimnisse wahrten sich nämlich schlecht in dem 900-Seelen-Nest Dawsonhills, wo jeder jeden kannte.

Verdammt, was war denn das Dunkle da mitten auf der Straße? Es sah aus wie ein Rentier. Instinktiv stieg sie in die Eisen, auch wenn ihr Fahrlehrer ihr eingebläut hatte, dass das bei Eis und Schnee ein tödlicher Fehler sein konnte. Augenblicklich brach der Wagen nach links aus und kam ins Trudeln. Verzweifelt versuchte sie gegenzulenken. Doch der Boden unter der Schneedecke war spiegelglatt.

„Scheiße!“, fluchte sie. 

In Gedanken sah sie die Bäume auf sich zurasen, sah die heftige Kollision, ihr eigenes Ende. Wenigstens einmal in diesem Leben hätte sie sich richtig verlieben sollen, dachte sie betrübt. Unweigerlich schoss der Wagen auf die mächtigen Kiefern zu, die den Weg säumten. Sie hatte keine Chance. Ein dicker Stamm befand sich direkt in ihrer Richtung. Sie schrie, schloss die Augen, betete. 

Es gab einen starken Ruck. Der Druck auf ihren Rippen ließ sie nach Luft schnappen. Sie öffnetet die Augen wieder und stellte fest, dass sie kopfüber über dem Lenkrad hing. Wie ein Pfeil hatte die Motorhaube sich in den tiefen Schnee gebohrt, höchsten einen halben Meter von dem Baum entfernt, auf den sie zugesteuert war. Sie bewegte Beine, Arme, Kopf. Kein Blut, alles intakt. Vor Erleichterung schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie realisierte, was ihr gar nicht so bewusst gewesen war: Sie lebte und sie lebte verdammt gern. Langsam beruhigte sich ihr pochender Herzschlag wieder. 

Dennoch war die Lage, in der sie sich nun befand, alles andere als komfortabel. Sie steckte fest. Schneemassen kesselten sie ein. Die beiden vorderen Türen waren nicht zu öffnen. Mühsam kletterte sie auf die Rückbank. Das Auto neigte nach zurück und sackte tiefer in den Schnee. Nun waren auch die hinteren Türen blockiert. Mit zitternden Fingern zog sie ihr Handy aus der Tasche, wählte die Nummer der Pannenhilfe und erklärte ihre Situation.

„Hier ist grad die Hölle los. Wenn sie nicht in einer lebensbedrohlichen Lage stecken, werden Sie sich gedulden müssen“, erwiderte die Frau am anderen Ende der Leitung. „Im Notfall müssen Sie sich an die Marshalls wenden.“

Sie überlegte, ob sie ihre Eltern bitten sollte, sie abzuholen. Doch nein. Ihre Mutter war mitten in hektischen Weihnachtsvorbereitungen und war ohnehin nicht allzu gut auf ihre Tochter zu sprechen. Außerdem hatte Kate Tee in ihrer Thermoskanne und eine Decke auf der Rückbank. Momentan war es warm genug. Kritisch würde es erst werden, wenn zum Abend die Temperaturen sanken. Bis dahin aber sollte sich der Abschleppwagen bis zu ihr durchgekämpft haben. 

Also beschloss sie, sich in Geduld zu üben. Sie machte sie es sich bequem und nahm ihre Unisachen heraus. Sie konnte die Zeit ebenso gut nutzen, um mit ihrem Essay voranzukommen. Während ihres Heimatbesuches würden die Sachen oft genug liegen bleiben.

Auch deshalb war sie eigentlich fest entschlossen gewesen, den Überredungskünsten ihrer Mutter zu trotzen und dieses Jahr auf Weihnachten im trauten Kreis der Familie zu verzichten. Abgesehen davon, dass es eine gewisse Person gab, der sie auf gar keinen Fall begegnen wollte, war ihr Studium gerade in einer heißen Phase. Über die Feiertage sollten die Studenten aus Professor Barnswicks Literaturklasse einen Essay über das romantische Werk von Lord Byron verfassen. Der beste davon hatte die Chance in der führenden amerikanischen Literaturzeitschrift abgedruckt zu werden. Das war Ehre und Zukunftschance für alle gleichermaßen. Die strebsamen unter ihren Kommilitonen hatten ihre Familie bereits informiert, dass sie über Weihnachten nur bedingt ansprechbar sein würden. 

Daher hatte Kate geplant, über die Feiertage im Studentenwohnheim zu bleiben, auch wenn es ihr schwergefallen wäre, auf die schönste Zeit des Jahres in ihrer Heimatstadt zu verzichten. Um Weihnachten herum spielte die beschauliche Kleinstadt Jahr für Jahr verrückt. Die Bewohner überboten sich mit Weihnachtsschmuck, Wettbacken und Aufführungen. Außerdem war der Lichtergottesdienst um Mitternacht die wohl stimmungsvollste Art, den ersten Weihnachtstag einzuläuten. Dennoch war es für alle das Beste, wenn sie in diesem Jahr dem ganzen Trubel fernbliebe. Das hatte sie sich immerhin eingeredet. Doch dann hatte ihre Mutter volle Geschütze aufgefahren. 

„Granny geht es nicht gut. Vermutlich wird es ihr letztes Weihnachtsfest sein. Willst du das verpassen?“, hatte sie gefragt. Und nein, das letzte Fest mit ihrer geliebten Granny wollte Kate in der Tat nicht verpassen. Das würde sie sich auf keinen Fall verzeihen. 

Doch wenn sie daran dachte, wem sie spätestens beim Weihnachtsgottesdienst unweigerlich über den Weg laufen würde, krampfte sich ihr Magen in einem unguten Gefühl zusammen. Vor allem Granny durfte niemals erfahren, was ihre Kate getan hatte. Die war noch von der alten Schule und mit ganz anderen Moralvorstellungen aufgewachsen. Sie würde vermutlich sofort die Augen zum Himmel verdrehen und die Atmung einstellen, nicht bevor sie die Seele ihrer Enkelin auf ewig verflucht hatte.

Drake. Gutaussehend, weltgewandt und unglaublich klug. Als würde ein unsichtbares Band sie immer wieder zusammenführen, waren sie sich im vergangenen Frühjahr ständig über den Weg gelaufen. Nun, wo sie ihn besser kannte, war sie sich allerdings sicher, dass er es bewusst darauf angelegt hatte, dass sie sich trafen. Doch damals war sie wie verzaubert gewesen.

Als ihr aufging, dass er sie plötzlich wie eine Frau betrachtete, dass sein intensiver Blick alles andere als bloß freundschaftlich war, hatte sie nächtelang wach gelegen und davon geträumt, wie es wäre, ihn zu küssen. Seine Hände auf ihrem Körper zu spüren. Das erste Mal in Leben hatte sie sich nach dem verzehrt, was Milly Mansfield bereits im zarten Alter von dreizehn auf dem Rücksitz von Kenneth Schilling, dem Quarterback der Schulmannschaft, erlebt hatte.

Auch sie hatte begonnen, die Begegnungen zu provozieren und das Verbotene herbeizusehnen. Bis er sie schließlich in seiner kleinen Hütte oben in den Bergen nach allen Regeln der Kunst verführt hatte. Eine leichte Hitze stieg in ihr auf, als sie daran dachte, wie seine kundigen Hände sie zur Frau gemacht hatten. Viel zu lange war es her, dass sie einem Mann so nah gewesen war. 

Dabei war sie im Grunde ihres Herzens froh über den räumlichen Abstand zwischen ihnen, den ihr Studienbeginn mit sich gebracht hatte. Die Verzauberung hatte sich ein Stück weit gelegt. In letzter Zeit war sie ihm sogar ausgewichen, wenn er versucht hatte, sie in Yale zu besuchen. Hatte kaum noch auf seine Geschenke reagiert und Stress im Studium vorgeschoben.

 Wenn sie ihm jetzt begegnete, wäre sie gezwungen Farbe zu bekennen und ihm zu sagen, dass sie ihn nicht mehr treffen wollte. Sie hoffte zumindest, dass sie das schaffen würde, denn er konnte überaus überzeugend sein, wenn er etwas wollte, und ihr verräterischer Körper war in der Lage, ihren Verstand auszuhebeln. 

Nicht auszudenken, was geschehen könnte, wenn die Affäre herauskäme. Gerade jetzt, zu Weihnachten. Sie fürchtete, dass er sich über die Gefahr, entlarvt zu werden, hinwegsetzen würde. Er war ein Mann, der bekam, was er wollte, und sie nahm an, dass das immer noch sie war. 

Das Beste wäre, wenn sie einen festen Freund dabei hätte. Sie würde den ganzen Abend verliebt an seinem Arm hängen und niemand könnte auf die Idee kommen, dass es eine Verbindung zwischen ihr und Drake gab. Sie hatte nämlich einen schwerwiegenden Fehler gemacht und ihrer Schwester anvertraut, dass sie einen älteren Freund hatte. Nicht auszudenken, wenn diese zwei und zwei zusammenzählte.

Bevor sie sich komplett im Trübsal verlor, verbannte sie jeden Gedanken an Drake und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Das war schon immer ihre Strategie gewesen, um mit unwillkommenen Gefühlen klarzukommen. 

Zu ihrer Freude flossen ihr die Worte nur so aus den Fingern. Eine Wartezeit, in der man ablenkungsfrei an etwas arbeiten konnte, war eben manchmal auch ein Geschenk. Sie vergaß die Welt um sich herum und fokussierte sich auf die leidenschaftlichen Worte des Dichters. 

Sie wusste nicht, wie lange sie schon mit dem Notizbuch auf den Knien dasaß, als es plötzlich an der Scheibe klopfte. Beinahe erschrak sie zu Tode, denn sie hatte nicht einmal gehört, dass sich ein Auto genähert hatte. Hellblaue Augen unter einer grauen Wollmütze blickten sie fragend an. Sie kurbelte die Scheibe runter. 

Der Mann beugte sich vor und scannte die Lage. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ja, vielen Dank! Jetzt habe ich mich nur ein bisschen erschreckt!“

Ganz geheuer war ihr der Mann nicht. Mit dem Piercing und der Tätowierung, die sich bis zu seinem rechten Ohr hochzog, hätte er auch zu einer Rockergang gehören können.

„Das tut mir leid.“ Er deutete auf ihr Notizbuch. „Ist das Ihre übliche Arbeitsumgebung?“

Sie lachte zaghaft. „Nicht unbedingt. Aber die Pannenhilfe hat angekündigt, dass es dauern wird.“

„Bei dem Wetter? Da hätten Sie ja erfrieren können“, meinte er stirnrunzelnd.

„Sie sagten, dass ich im Notfall den Marshall rufen soll.“

Er betrachtete den Wagen und schien zu der Erkenntnis zu kommen, dass da nichts zu machen war. „Hat ordentlich geschneit. Soll ich Sie mit in die nächste Stadt nehmen? Da können Sie dann im Warmen auf den Abschleppwagen warten.“

Sie sah zu seinem Auto hinüber. Ein kostspieliger SUV stand da. Immerhin kein Motorrad. Doch konnte sie unbesorgt einsteigen? Ihr Vater hatte ihr immer eingebläut, niemals per Anhalter zu fahren und immer ein Taxi zu nehmen. Schließlich siegte ihre persönliche Bequemlichkeit. Mittlerweile fror sie erbärmlich. „Das wäre toll“, sagte sie.

Er grinste spöttisch. Offenbar hatte er gemerkt, wie sie ihn gemustert hatte. „Da bin ich aber froh, dass Sie mich doch für vertrauenswürdig genug halten!“

Galant hielt er ihr die Hand hin und half ihr, durch die Scheibe hinauszuklettern. Augenblicklich versank sie beinahe bis zu den Knien in einer Schneewehe. Er lachte. Verwundert schaute sie zu um auf. Hoch ragte er über ihr auf. Sie selbst war keine Riesin, aber er wirkte nun, als wäre er mindesten zwei Meter zwanzig. Er streckte ihr beide Hände hin und zog sie zu sich hinüber. Obwohl er keine Handschuhe trug, waren seine Finger warm und fühlten sich erstaunlich kräftig an. Als sie direkt neben ihm stand, hatte sich der Größenunterschied relativiert.

„Ich habe nicht gemerkt, dass es hier einen Graben gab“, sagte sie mit einem verlegenen Lachen. 

„Der hat Sie wahrscheinlich vor größerem Schaden gerettet.“ Er deutete auf die Kiefer.

„Oh ja!“ Ihr schauderte schon bei dem Gedanken daran. Durch den vielen Schnee hatte sie gar nicht sehen können, dass sich ihr Auto mit der Nase nach vorn in ein ausgetrocknetes Flussbett abgesenkt hatte. „Ich bin Kate!“ Sie streckte ihm die Hand hin.

 Er ergriff sie. „Jordan.“. 

Ihr entging nicht das leichte Zögern vorher und sie fragte sich misstrauisch, ob er ihr seinen wahren Namen genannt hatte. Doch was für einen Grund konnte er schon haben, sie anzulügen.

Mittlerweile hatte der Schneefall sich gelegt. Ein einzelner zarter Sonnenstrahl streckte die Nase durch die Wolke, brachte die weiße Pracht zum Glitzern und verwandelte die Hügel von Vermont in eine verwunschene Schneelandschaft. Warm und gemütlich war es im Auto ihres Pannenhelfers. Sie lehnte sich in dem bequemen Autositz zurück und dachte daran, mit wie wenig man im Leben manchmal schon zufrieden sein konnte. Sich aufzuwärmen, wenn man durchgefroren war, gehörte definitiv dazu. Außerdem vielleicht ein warmer Kakao, wie ihn die Mutter des Nachbarsjungen immer gemacht hatte. Flynn und sie waren zu der Zeit unzertrennlich gewesen. Sie hatten sich sogar geschworen, zu heiraten, wenn sie groß waren. 

Nun war er wieder da, der Knoten in ihrem Magen. Jetzt hatte sie doch tatsächlich ein paar selige Minuten nicht an ihren Jugendfreund, an seine Familie und ihre eigenen überbordenden Schuldgefühle gedacht. Wenn man bedachte, dass sie damals bei ihnen ein und ausgegangen war, dass die Benjamins so etwas wie ihre zweite Familie gewesen waren, wog das, was sie getan hatte, doppelt so schwer. Sie bemerkte, wie ihr Fahrer sie von der Seite musterte.

„Jetzt würde ich gern deine Gedanken lesen“, sagte er. „Erst hast du selig gelächelt und dann hat sich so ein sorgenvoller Ausdruck in dein Gesicht gefressen, dass ich hoffe, nicht der Auslöser dessen zu sein. Du musst keine Angst haben. Ich bin kein Frauenmörder, der in den Hügel hier Ausschau nach Verkehrsopfern ist, um ihnen in einer einsamen Berghütte bestialisch den Garaus zu machen.“ Er entblößte zwei Reihen strahlend weißer Zähne. Kate zwang sich, ebenfalls zu lächeln.

„Es hat nichts mit dir zu tun. Es ist … meine Familie kann ein bisschen kompliziert sein.“

„Verstehe.“ Er dachte kurz nach, entschied sich dann offenbar, dem nichts weiter hinzuzufügen. „Wo musst du denn hin? Eventuell kann ich dich ja noch etwas weiter mitnehmen.“

„Das wäre toll. Ich will mir gar nicht ausmalen, was für eine Standpauke mir meine Mutter wegen der Verspätung halten wird. Sie ist Lehrerin und ein absoluter Pünktlichkeitsfanatiker. Ich muss nach Dawsonhills. Kennst du das vielleicht?“

Ein unergründlicher Gesichtsausdruck huschte über sein Gesicht. „Das ist ja ein merkwürdiger Zufall. Tatsächlich muss ich auch in die Richtung“, entgegnete er.

Neugierig sah sie ihn an. Ihre Heimatstadt war so klein, und er schien in einem ähnlichen Alter zu sein, wie sie. Wenn er ebenfalls dort aufgewachsen wäre, müsste sie ihn eigentlich kennen. Vielleicht war er zum Skifahren verabredet? Sie war sich jedenfalls sicher, ihn dort noch nie gesehen zu haben. Auch wenn er sein Gesicht mit den hellen Augen und dem energischen Kinn beim näheren Betrachten irgendwie bekannt vorkam. „Wieso willst du denn nach Dawsonhills?“, erkundigte sie sich. 

Er presste die Lippen aufeinander und seine Miene verschloss sich. „Ich habe gehört, dass es ein netter Fleckchen Erde sein soll.“ 

Wollte er damit sagen, dass er ganz allein die Weihnachtstage dort verbringen wollte?

„Wo wirst du denn wohnen?“, fragte sie. 

„Gar nicht neugierig, oder was?“; entgegnete er unwirsch. 

„Entschuldige, dass ich frage!“, erwiderte sie spitz. Im Grunde genommen war ihr dieser Typ mit dem protzigen SUV, der auch einem Zuhälter oder Drogenboss hätte gehören können, herzlich egal. Hauptsache, sie kam heute noch zuhause an. 

Beide fuhren schweigend weiter. Jordan drehte das Radio lauter, in dem einer dieser kitschigen Weihnachtssongs zu hören war. 

„Ich brauchte ein wenig Abstand von allem und habe einen Ort gesucht, an dem ich mich fernab von meinem alltäglichen Stress über die Weihnachtstage ausruhen kann“, sagte er schließlich ein wenig freundlicher. 

Kate nickte. Städter kamen häufiger mal in die Hügel von Vermont, um Ruhe und Frieden vor der Hektik des Alltags zu finden. Deshalb waren die wenigen Pensionen in ihrem Ort über die Weihnachtstage immer voll ausgebucht. Dafür durften die Einheimischen über die merkwürdigen Attitüden der New Yorker staunen, die hier im Winterwunderland die Zeit zwischen den Jahren verbrachten. 

„Ich nehme an, dann wirst du bei Mrs. Gibbs einkehren?“

 Er warf einen Blick zu ihr hinüber. „Mrs. Gibbs?“, fragte er verwundert.

„Ja, sie hat die beste Pension in der Stadt. Oder hast du eine der Hütten in den Hügeln oben gemietet?“ 

Er lachte auf. „Nein. Ich wollte mich erst einmal umsehen und dann entscheiden, ob ich bleiben oder meinen Roadtrip fortsetzen möchte.“ 

Kate sah ihn großen Augen an. „Das ist nicht dein Ernst!“, bemerkte sie. 

„Wieso?“

„Nun ja, die wenigen Pensionen in der Stadt sind über die Weihnachtstage auf Jahre hinaus ausgebucht. Ich glaube nicht, dass du spontan eine Unterkunft finden wirst.“

Er pfiff leise durch die Zähne. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Gegend hier derart beliebt ist.“ 

„Dann weißt du wohl noch nicht, wie das perfekte Weihnachten hier in Vermont aussieht“, ereiferte sie sich. „Überall gibt es Pferdeschlitten. In den Straßen wetteifern die Häuser darum, wer die aufwändigste und schönste Dekoration aufgefahren hat. Weihnachtsmärkte und Basare locken mit ihren Leckereien. Wer einmal Weihnachten hier verbracht hat, der möchte nie wieder irgendwo anders feiern.“

„Du klingst wie eine lebendige Werbebroschüre“, grinste er. „Dann gibt es also nichts, was dich davon abhalten könnte, dein Weihnachtsfest hier zu verbringen. Außer einem kleinen Schneeunfall natürlich.“

Da hatte er recht. Unter normalen Umständen hätte sie wirklich nichts davon abhalten können.

„Du wirst lachen“, entgegnete sie ehrlich, „genau in diesem Jahr hatte ich tatsächlich etwas anderes vor. Es hätte mein erstes Weihnachten in Yale sein sollen. Und ich war schon traurig, dass mir auf diese Art und Weise die Weihnachtsstimmung entgehen würde.“

Interessiert blickte er sie an. „Und was hat deine Meinung geändert?“

„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete Kate ausweichend. „Wo kommst du denn eigentlich her?“, erkundigte sie sich, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. 

Er winkte ab. „Süße, ich bin gar nicht so heiß auf Small Talk. Wenn du darüber nicht reden möchtest, ist das kein Problem.“

Er drehte die Musik wieder lauter und richtetet den Blick konzentriert auf die Straße. Ihre Unterhaltung sah er offenbar als beendet an. Kate konnte es kaum fassen, dass er derart unhöflich war. Demonstrativ zog sie ihre Unterlagen heraus und begann, sich Notizen zu machen.

Plötzlich gab ihr Handy einen aufdringlichen Ton von sich, mit dem es freudig ankündigte, dass eine Nachricht eingetroffen war. Kate schaute auf das Display und erbleichte. 

„Habe zufällig erfahren, dass du Weihnachten doch kommst. Vermutlich wolltest du mich überraschen. Eigentlich solltest du aber doch wissen, dass ich nicht auf Überraschungen stehe. Freue mich trotzdem, dich zu sehen. Ich bin mir sicher, dass wir einen Weg finden werden. D.“ 

Verdammt. Wer hatte ihm erzählt, dass sie doch über Weihnachten käme? Sie hatte ihm bereits vor zwei Wochen geschrieben, dass sie in Yale bliebe und dass es ihr nicht ausmachte, die Feiertage dort zu verbringen. Das konnten nur ihre Eltern gewesen sein. Hoffentlich hatten sie ihn nicht zu ihrer Weihnachtsparty eingeladen. Sie merkte, wie ihr der Schweiß ausbrach, bei dem Gedanken daran, wie sie ihm unter den Augen ihrer gesamten Familie begegnen würde. Ein wahrer Albtraum.

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In letzter Minute

Habt ihr schon alle Weihnachtsgeschenke oder macht ihr es wie meine Protagonistin Amira, die mal wieder auf den letzten Drücker unterwegs ist? Kann ganz schön stressig werden …

Entschlossen schob Amira ihren Fuß in den Eingang, so dass der hagere Verkäufer daran gehindert wurde, die Tür zum einzigen Ort, an dem sie ein Weihnachtsgeschenk für ihre überaus anspruchsvolle Großmutter bekommen würde, vorzeitig zu schließen.

Weihnachtsgeschenke auf den letzten Drücker? Stressig!!!

„Wir haben geschlossen!“, konstatierte dieser mit französischem Akzent, der ihn im Zusammenhang mit der nach oben gereckten Nase sehr hochnäsig erscheinen ließ.

„Es ist fünf Minuten vor eins. Sie schließen erst um ein Uhr, folglich haben Sie geöffnet“, bemerkte sie erbost und deutete auf die Anzeige in ihrem Handy.

„Es ist ein Uhr und wir haben geschlossen“, beharrte der Mann und versuchte nunmehr, gewaltsam die Tür zu schließen.

„Ich brauche unbedingt noch zwei silberne Behring-Zuckerlöffel.“

Sie verlegte sich aufs Betteln und sah den Mann flehend an.

„Wenn man so etwas unbedingt braucht, kann man durchaus auch etwas früher kommen!“

Der Mann verschränkte tadelnd die Arme vor der Brust.

Kann man. Hatte sie aber einfach nicht geschafft. An dem einzigen Tag, an dem sie in diesem Jahr Weihnachtsgeschenke hatte kaufen können, hatte sie bereits um Viertel vor zehn vor dem großen Kaufhaus zwei Straßen weiter gewartet, um jede Minute der knappen Zeit, die die Geschäfte am Heiligabend geöffnet hatten, auszunutzen.

Doch die Ladenzeilen waren so stark gefüllt gewesen, dass allein der Weg von einem Geschäft ins andere eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Geschweige denn die Schlangen an der Kasse. Mussten denn alle Menschen ihre Einkäufe auf den letzten Drücker machen? Es steckten doch nicht alle grad in einer Theaterproduktion, die einem kaum Luft zum Atmen ließ. Sie konnte schon froh sein, dass der ehrgeizige Regisseur sie nicht noch am 24. Dezember zum Proben antanzen ließ. Die Anfrage, ob vielleicht zwischen den Jahren auf Proben verzichtet werden könnte, hatte er empört abgewiesen.

Sie sah auf die Uhr. „Bitte. Ich schenke jedes Jahr meiner Großmutter einen silbernen Behring-Löffel und ich habe es schon letztes Jahr einfach nicht geschafft. Sie sind das einzige Geschäft in Oldenburg, dass diese Löffel noch führt.“

Sie legte flehend die Hände zusammen. „Wer weiß, ob meine Großmutter das nächste Weihnachtsfest überhaupt noch erleben wird!“, sagte sie dramatisch.

Leicht angeekelt sah er sie an und sie kapierte schlagartig, dass er immun gegen weibliche Tränen war.

„Was denken Sie, geht mich Ihre Großmutter an? Interessiert es Sie etwa, dass mein armer Hund wegen Ihnen länger auf seinen Auslauf warten muss? Wieso muss ich mir Ihre Geschichten anhören?“

„Ich zahle Ihnen den doppelten Preis, dann können Sie ihrem Hund ein tolles Leckerli mitbringen!“

„Wollen Sie mich jetzt total verarschen? Das ist nicht mein Geschäft, von einem doppelten Preis hat ja wohl nur mein Chef etwas.“

„Muss doch keiner etwas davon mitkriegen“, versuchte sie es nochmal.

Ein entschlossener Ausdruck erschien im Gesicht ihres Gegenübers und ehe sie es sich versah, trat er ihr so tüchtig auf den Fuß, dass sie ihn automatisch wegzog. Triumphierend schloss er die Tür, und zeigte ihr von drinnen einen Vogel.

Hektisch überlegte sie, wo sie jetzt ein alternatives Geschenk bekommen konnte. Doch in den Geschäften in der Straße gingen bereits die Lichter aus. Sie verwarf den Gedanken, etwas an der Tankstelle zu besorgen, postwendend wieder, überlegte dann, ob es in ihrer Wohnung irgendetwas geben konnte, dass sich als Geschenk umfunktionieren ließ – nein. Sie hatte im vergangenen Jahr die winzige Wohnung akribisch ausgemistet und alles weggegeben, was sie nicht dringend brauchte.

Sie drehte sich um und stieß frontal mit einem großgewachsenen Mann zusammen, der einen Stapel Geschenke mit sich trug. Die beiden oberen machten sie selbständig und segelten zu Boden, in eine große Pfütze. Hastig hob Amira sie auf.

„Tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen!“, sagte sie und stapelte die beiden triefenden Pakete wieder auf den Armen ihres Gegenübers.

Ihr fiel auf, dass sie einen ziemlich gutaussehenden Mann vor sich hatte, großgewachsen, mit einem markanten Kinn und leuchtenden blauen Augen.

„Schon gut“, sagte der Mann und betrachtete das Desaster. „Da werde ich mich wohl doch noch mal selbst ans Verpacken machen müssen. Ärgerlich, aber keine Katastrophe.“

Er lächelte und zwei sympathische Grübchen zeigten sich auf seinen Wangen.

„Da bin ich ja erleichtert“, erwiderte Amira und wollte weitergehen.

Doch der Mann hielt sie zurück. „Haben Sie gerade vor verschlossener Tür gestanden?“, fragte er neugierig.

Amira nickte. „Ja, leider, dabei war ich eigentlich drei Minuten vor Ladenschluss da. Aber auch die Verkäufer wollen vermutlich Heim zu ihren lieben.“

„Was wollten Sie denn kaufen?“, erkundigte der Mann sich.

„Meine Oma sammelt eine bestimmte Sorte silberner Löffeln, die ich in keinem anderen Geschäft gefunden habe. Hier liegen sie im Schaufenster, aber ich bekomme sie trotzdem nicht, weil ich einfach zu spät dran war.“

Er grinste.

„Das kenne ich. Ich bin auch immer zu spät dran. Meine Schwester wird mit mir schimpfen, wenn ich ihr nicht bald die Geschenke liefere, die ich ihr versprochen habe.“

„Für ihre Schwester? Ich dachte, der Berg hier wäre vielleicht für Ihre Kinder.“

Er winkte ab. „Nein, die habe ich leider noch nicht. Und Sie?“

Nun sah er sie neugierig an und Amira fiel auf, wie sehr es sie freute, dass er nicht für seine eigenen Kinder einkaufte.

„Oh nein. Momentan bin ich mit meinem Job verheiratet. Da kann ich nicht noch mehr Aufgaben gebrauchen.“

„Eine kann ich Ihnen abnehmen“, lächelte er. „Wenn sie mal kurz halten würden.“

Er drückte ihr den sperrigen Berg Pakete in die Arme. Dann zog er einen Schlüsselbund aus der Tasche und beugte sich vor, um die Tür vor sich aufzuschließen.

Amira sah überrascht zu.

„Haben Sie für alle Läden in der Stadt einen geheimen Schlüssel? Das könnte wirklich nützlich sein.“

„Nur für meinen eigenen. Falls Sie also noch eine exklusive Beratung bezüglich der Teelöffel wünschen, stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung.“

Er deutete eine Verbeugung an und nahm ihr die Pakete wieder ab.

„Das mit der Verfügung klingt toll“, entgegnete Amira und trat ein. Manchmal jagte man das eine und bekam das andere, dachte sie bei sich und lächelte.

Dies ist ein Beitrag des wunderbaren Autorenadventskalenders, bei dem ich auch in diesem Jahr wieder dabei sein kann! Lest euch auch gern die anderen Geschichten durch, es gibt ein paar tolle Schätze zu entdecken!!!

Foto: Pixabay

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Zwischenfall mit Osternest

Mit einem Berg Schulden und einer Menge geplatzter Träume im Gepäck ist Laura gezwungen, aus New York zurück in die Ostwestfälische Kleinstadt zu ziehen und bei ihrer großen Schwester unterzukriechen. Dumm nur, dass sie in den letzten drei Jahren quasi keinen Kontakt mehr gehabt haben …

Dies ist exklusiv für euch der Beginn meines nächsten Romans „Sommerwiesenduft“. Viel Spaß damit!

Schwarnberg, Ostwestfalen, Ostersamstag 2018

„Siebenzwanzig fuffzig!“, brummte der Taxifahrer und streckte ihr seine speckige Hand hin.

Laura reichte ihm dreißig Euro.

„Stimmt so“, sagte sie und das Geld verschwand in seinem Portemonnaie.

Sie stieg aus. Unwillkürlich zog sie den Kopf zwischen die Schultern. Hier war nichts davon zu spüren, dass es schon fast Sommer war. Eiskalt fühlte sich der Nieselregen über ihrem dünnen Kostüm an.

Der Fahrer öffnete den Kofferraum, in dem sich zwei gigantische Koffer und ein Kleidersack befanden. Laura wartete darauf, dass er die Gepäckstücke herausnahm und sie den schmalen Gehweg bis zur Eingangstür herauftrug, doch er machte dazu keine Anstalten.

„Könnten Sie mit bitte mit dem Gepäck helfen?“, fragte sie schließlich mit hochgezogenen Augenbrauen und ein wenig schärfer als gedacht.

„Ne, ich hab Bandscheibe. Sie machen das schon.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust.

So etwas hatte Laura in den letzten drei Jahren nicht erlebt. In New York wäre dieses Verhalten undenkbar gewesen. Aber in Schwarnberg, der provinziellen Kleinstadt am Rande des Teutoburger Waldes, war selbstverständlich alles anders.

Weil sie nicht noch länger im Regen stehen wollte, begann sie unter dem genervten Blick des Taxifahrers, ihr Gepäck aus dem Auto zu zerren. Sie hatte das Gefühl, Ziegelsteine eingepackt zu haben, so schwer waren die Koffer, die die Überreste eines ganzen Lebens enthielten.

Sie fluchte leise, als sie sich beim letzten einen ihrer sorgfältig manikürten Fingernägel abbrach.

Der Fahrer düste ab. Verloren blieb sie am Straßenrand stehen und sah ihm nach, bis er verschwunden war. Sie sehnte sich danach, immer noch im Taxi zu sitzen und wieder in die weite Welt fahren zu können. Doch nun war sie hier. Wieder. Und erstmal würde sie bleiben müssen, in ihrer Heimatstadt, die ihr vertraut und doch unendlich fremd war.

Drei Jahre war es her, dass ein Prinz auf einem weißen Pferd in Form von Mark Turner II sie aus dieser Provinz gerettet hatte. Sie war so froh gewesen, ein anderes Leben zu führen, dass sie Schwarnberg keine Träne nachgeweint hatte. In der ganzen Zeit war sie nicht ein einziges Mal zurückgekehrt. Die Anrufe ihrer Schwester hatte sie höchstens sporadisch erwidert. Wie dumm nur, dass diese Schwester nun ihre letzte Rettung war.

Zögernd wandte sie sich wieder dem Haus zu, das ungerührt von den Geschehnissen der vergangenen Jahre immer noch auf demselben kleinen Hügel thronte wie damals, als ihre Eltern noch gelebt hatten.

Das Eigenheim der Meisters gegenüber, von denen ihre Mutter im Spätsommer immer Kübel voller reifer Pflaumen bekommen hatte, war drei eng aneinandergeklebten Reihenhäusern gewichen, mit handtuchbreiten, aber akkurat geschnittenen Rasenflächen vor den identischen Eingängen. Laura fragte sich, ob es bereits bewohnt war, denn kein Licht erhellte die moderne Fensterfront. Waren etwa alle Besucher über Ostern verreist?

Aus dem Haus, in dem nun Lauras Schwester Susanne mit Mann und Kind wohnte, drang plötzlich lautes Stimmengewirr. Unwillkürlich zuckte sie zurück. Hatte ihre Schwester ausgerechnet heute Gäste? Ihr Magen zog sich zusammen bei dem Gedanken, dass Susanne eine Willkommensparty organisiert haben könnte. Sie beschloss, erst einmal nachzuschauen, wer im Haus war.

Behutsam stellte sie ihr Gepäck auf den moosbesetzten Bodenplatten ab und schlich vorsichtig zum Küchenfenster hinüber, darauf bedacht, ihre nudefarbenen Ballerinas nicht schmutzig zu machen. Dort hatte sie als Kind oft einen Keksteller entgegengenommen, wenn sie vom Spielen im Garten hungrig geworden war.

Mit einem kleinen Lächeln entdeckte sie ein Osternest, dass sich zum Schutz vor Regen zwischen Fensterbank und dem alten Rhododendron versteckte. Genauso hatte ihre Mutter es früher auch gemacht.

Kurz vor dem Fenster duckte sie sich, um nicht gesehen zu werden, und kroch nah an die Hauswand, von der der Putz zu bröckeln begann. Sie umfasste das Fensterbrett und zog sich vorsichtig hoch, um durch die Scheibe zu lugen.

Genau in dem Moment lief plötzlich eine fette schwarze Spinne über ihre Hand, die Laura in ihrem Versteck aufgeschreckt haben musste. Sie unterdrückte einen Entsetzensschrei, taumelte zurück und konnte gerade noch verhindern, dass sie rücklings in den Matsch fiel. Dafür aber vernahm sie ein erst suppendes, dann knirschenden Geräusch und spürte, wie sie mit den Schuhen genau in das Osternest getreten war.

Eine braune Brühe ergoss sich über ihre Dreihundert-Dollar-Schuhe. Die buntglitzernden Eier mussten eine flüssige Füllung gehabt haben.

Einen Moment lang hielt sie inne, um zu lauschen, ob jemand ihr merkwürdiges Manöver entdeckt hatte. Wegen des ungemütlichen Wetters war die Straße glücklicherweise menschenleer.

Dann sah sie sich das Desaster an. Das Nest war ein Totalschaden. Eigentlich war es auch ziemlich unvorsichtig von ihrer Schwester, die kleinen Kostbarkeiten schon am Ostersamstag draußen im Regen zu platzieren. Schließlich konnten sich ja Tiere an den Süßigkeiten gütlich tun.

Mit spitzen Fingern hob Laura die matschige Masse hoch und ging zur Mülltonne hinüber, die immer noch unter dem Verschlag stand, den ihr Vater vor vermutlich dreißig Jahren gebaut hatte.

Laura rümpfte die Nase, als sie den Deckel anhob und ihr ein Geruch nach altem Fisch in die Nase stieg. Schnell ließ sie das Osternest hineinfallen und klappte den Deckel wieder zu.

Doch sie hatte sich erst ein paar Schritte wieder entfernt, als ihr aufging, dass sie den Beweis ihrer Missetat nicht gut genug versteckt hatte. Sie kehrte um und spähte mit angehaltenem Atem in die Mülltonne. Nicht gut. Jeder, der etwas hineinwarf, konnte das bunte Schokoladenpapier entdecken.

Sie schaute sich nach einem brauchbaren Werkzeug um. Schließlich nahm sie die verrostete Harke, die an der Regenrinne lehnte und stocherte mit ihr solange in der Mülltonne herum, bis nichts Verdächtiges mehr zu entdecken war.

Dann unterdrückte sie ein Würgen und pulte die schmierigen Zellophanreste, die sich in den Zinken der Harke verfangen hatten wieder ab.

Hoffentlich bekam sie jetzt nicht als Nächstes einen Ekelherpes.

Genau in dem Moment, als sie über den Rasen zur Eingangstür stakste, verwandelte sich der Nieselregen in eine Dusche. Das gab ihren sorgfältig gewellten Haaren den Rest. Strähnig klebten sie an ihrem Kopf und tropften über die Schultern ihres durchweichten Seidenkostüms.

Als sie wieder bei ihrem Gepäck war, betete sie, dass die Koffer das Wasser einigermaßen abhielten und zog eine Kleenexpackung aus der Seitentasche, um die Schokoladespuren auf ihren Schuhen zu entfernen. Doch auf diese Art schienen sich die braunen Flecken nur noch tiefer in das feine Leder zu fressen.

Sie gab es auf, ließ den Platzregen über sich ergehen und hatte das Gefühl, dass die Wolken die Tränen weinten, die sie immer noch nicht vergossen hatte.

Schlimmer konnte es nicht mehr werden, dachte sie, als sie zaghaft auf den Eingang zuging. Auf einmal öffnete sich vor ihr die Haustür und ein Mann mit Hipsterbart und einer merkwürdigen Wollmütze stürzte heraus, den Kragen seiner Cordjacke vorausschauend gegen den Regen hochgeklappt.

„Danke euch. Tut mr leid, dass ich so plötzlich weg muss“, rief er über die Schulter.

Da erst erblickte er sie und blieb wie angewurzelt stehen. Ungläubig riss er die Augen auf.

„Laura?“

Er schien auf ein Erkennen ihrerseits zu warten. Denn er verharrte einen Moment lang. Doch Laura hatte keine Ahnung, wer da vor ihr stand, obwohl sie hektisch ihr Personengedächtnis durchforstete.

Also sah die ihn nur fragend an. Er zuckte die Achseln und schwang sich auf das Fahrrad, das unangeschlossen am Zaun gelehnt hatte.

„Laura?“, erklang die Stimme ihrer Schwester in ihrem Rücken. „Was machst du denn schon hier? Wir haben dich doch erst am Montag erwartet!“

Ein bisschen müsst ihr euch noch gedulden, bis mein nächster Roman erscheint. Bis dahin schaut euch gern meine anderen Bücher an. Hier gibt es eine Leseprobe von „Wer den Frosch küsst“hier findet ihr eine zu „Puccini zum Frühstück“.

Mit ein bisschen Glück könnt ihr einen der Romane als Ebook gewinnen. Meldet euch einfach bei meinem Newsletter an und nehmt an der Osterverlosung teil!

Diese Erzählung ist Teil des Autoren-Adventskalenders, wo ihr jeden Tag eine neue, wunderbare Geschichte entdecken könnt. Schaut euch gern einmal die wunderbaren Beiträge meiner Kollegen und Kolleginnen an!

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Ausgerechnet Heiligabend

Hier gibt es einen exklusiven, unveröffentlichten Ausschnitt aus meinem neuen Roman „Puccini zum Frühstück“.

Diese Erzählung ist Teil des Autoren-Adventskalenders, wo ihr jeden Tag eine neue, wunderbare Geschichte entdecken könnt.

Falls sie Euch gefallen hat und ihr mehr von mir lesen wollt, habt ihr zwei Möglichkeiten. Ihr lest zunächst einmal meinen ersten Roman „Wer den Frosch küsst“, oder ihr meldet euch auf meinen Newsletter an, dann erfahrt ihr als erstes, wann „Puccini zum Frühstück“ veröffentlicht wird.

Mit gemischten Gefühlen bestieg Charlie an Heiligabend die Regionalbahn in Richtung Hamburg und stellte sich darauf ein, in das prunkvolle Nest ihrer Familie zurückzukehren. Der Waggon war zum Bersten gefüllte. Sie hatte Schwierigkeiten, mit ihrem kleinen Koffer überhaupt einen Stehplatz zu bekommen.

Die mollige Frau, neben die sie sich quetschte, rollte mit den Augen und meinte: »Da hat bei der Bahn mal wieder keiner geahnt, dass kurz vor Weihnachten eventuell mehr Fahrgäste unterwegs sind.«

Charlie lachte. »Genau, das muss ungefähr dasselbe sein wie bei großer Hitze – wer braucht schon Klimaanlagen, wenn es total heiß ist!« Ihr Mantel war vorhin so nass geworden, dass sich zu ihren Füßen kleine Pfützen bildeten. Sowieso roch hier drinnen generell alles nach feuchter Kleidung und einem Döner Kebab, den ein Anzugträger zwei Sitzreihen rechts von ihr genüsslich verspeiste.

Als ein korpulenter Mann neben ihr den Arm hob, um sich am Haltegriff oben festzuhalten, stieg ihr ein übler Geruch nach altem Schweiß in die Nase. Rasch wandte sie den Kopf zur Seite. Am Bahnhof in Hamburg-Altona duftete es dafür verlockend nach Glühwein und Schmalzgebäck. Doch sie widerstand der Versuchung und wollte gerade zu dem Bus gehen, der sie die Elbchaussee hinunter zum Haus ihrer Familie bringen würde, als sie hinter sich jemanden rufen hörte.

»Na, wenn das nicht unsere Charlotte Sanders ist! Hallo!«

Überrascht drehte sie sich um und stand einem breitschultrigen Mann mit wettergegerbtem Gesicht und grauen Schläfen gegenüber, der sie um mehr als einen Kopf überragte. Er trug einen dunklen Anzug, den seine Schultern beinahe zu sprengen schienen, und eine Schirmmütze.

»Fred, was machen Sie denn hier?«

Fred war der Fahrer der Sanders und bei ihnen, seit Charlie sich erinnern konnte. Elli, die Haushälterin und Köchin, war seine Frau. Bei seinem Lächeln wurde ihr warm ums Herz. In der Tat hatten ihre positivsten Kindheitserinnerungen mit diesen beiden Menschen zu tun. Sie hatten dem einsamen Kind, das sie gewesen war, Mitleid und Sympathie entgegengebracht. Denn sie hatte es zu ihrem Leidwesen nie geschafft, den hohen Ansprüchen ihrer Familie zu genügen. Früher hatte sie oft darum gebetet, dass diese beiden ihre Eltern wären.

»Ich warte hier seit eineinhalb Stunden. Ihre Mutter war sich sicher, dass Sie spätestens diesen Zug bekommen würden.« Ein schelmisches Grinsen erschien in seinem Gesicht und Charlie freute sich plötzlich doch ein wenig, dass sie in Hamburg war.

Fred hievte ihren Koffer in den Kofferraum, stieg dann in die schwarze Limousine und sie fuhren los. Plötzlich war alles so wie früher. Charlie fühlte sich, als wäre sie nie weg gewesen. Als hätte sie nie die Flügel ausgebreitet, um dem Einfluss ihrer Mutter zu entgehen.

»Wie geht es Elli?«

»Na ja, natürlich hält deine Mutter sie eifrig auf Trab, besonders wegen der Feiertage, aber das ist ja nichts Neues.« Sie sah ihn im Rückspiegel lächeln. Nun, da nur sie beide im Auto waren, wechselte er auf das vertraulichere »Du«.

Auch das hatte er schon immer so gehalten.

»Aber wie geht es denn unserer Charlie? Wir haben ewig nichts von dir gehört.« Sie bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie, seit sie in Marienburg lebte, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und allem, was nach Hamburg gehörte, hatte bringen wollen. Das schloss leider auch die Menschen ein, die eine Funkstille nicht verdienten.

»Entschuldige«, sagte sie kleinlaut, »ich hätte wirklich mal anrufen können.«

»Schon gut. Wir sind glücklich, wenn es dir gut geht.« Nach einer winzigen Pause fügte er hinzu: »Es geht dir doch gut, oder?«

Charlie wurde warm ums Herz, als sie die Besorgnis in seiner Stimme vernahm. »Ja. Es ist toll für mich, mein eigenes Leben zu führen.«

»Das wird Elli freuen.«

Charlie lächelte. Elli war die herzlichste Person, die sie kannte, und vermutlich der einzige Grund, warum Charlie in ihrer ichbezogenen Familie nicht untergegangen war. Diese Frau, die sicherlich auch selbst eine wunderbare Mutter gewesen wäre, war ihr Ruhepol, diejenige, zu der Charlie sich als Kind geflüchtet hatte, wenn sie Trost brauchte.

Auf den Straßen herrschte bereits Weihnachtsstimmung. Sie waren wie leergefegt. Ungewöhnlich kurz dauerte die Strecke vom Bahnhof Altona die Elbchaussee hinunter. Fred bog in die hellerleuchtete Einfahrt hinein, an deren Ende sich majestätisch und leuchtend weiß die Familienvilla der Sanders erhob. Eigentlich war sie mit den zwei Flügeln sogar mehr ein Palast und eines der größten Häuser, die man im noblen Othmarschen finden konnte. Der Ort von Charlies Kindheit.Er hielt ihr die Tür auf, doch sie zögerte. Plötzlich legte sich Beklommenheit wie ein schwerer Stein auf ihre Seele. War es ein Fehler zurückzukommen? Ein Teil von ihr sehnte sich danach, kurzerhand die Fäden zu durchtrennen, die sie an ihre Familie band und sofort wieder nach Marienburg zu fahren. Mit Füßen wie aus Blei stieg sie schließlich aus und musste sich zwingen, in das Haupthaus zu gehen, anstatt durch den Dienstboteneingang in die sicheren Gefilde der Küche zu fliehen.

»Da bist du ja«, stellte ihre Mutter fest, nachdem Charlie das Wohnzimmer betreten hatte, in dem ein gigantischer Weihnachtsbaum posierte. Jedes Jahr wurde er nach der allerneuesten Mode geschmückt. Diesmal war er regenbogenfarben geworden und die Ahnen auf den Wandgemälden schienen Charlie noch finsterer anzugucken als sonst.

Ihre Mutter legte gemächlich die Modezeitschrift auf den Teakholztisch, erhob sich und gab ihr die obligatorischen zwei Küsse. Das und ein Streichen über den Kopf, wenn Gäste da waren, waren so ziemlich alle Zärtlichkeiten, die Charlie mit ihrer Mutter je geteilt hatte. Dann schob sie ihre Tochter mit beiden Armen von sich und musterte sie prüfend. Irina, das russische Starmodell, hatte in ihrem zweiten Jahr im Westen zielstrebig ihre persönliche Zukunft abgesichert und den zwanzig Jahre älteren Spross einer ursprünglich aus Holland stammenden Kaufmannsdynastie geheiratet. Natürlich erwartete sie von ihrer Tochter, dass sie genauso diszipliniert und schön sein würde wie sie selbst. Festzustellen, dass diese ihr nur ganz wenig ähnelte, war eine derartige Enttäuschung für sie gewesen, dass sie ihre Zuneigung lieber auf den älteren Sohn konzentrierte. Es schien ihr nicht lohnend, sich um die unscheinbare und auch noch pummelige Tochter zu kümmern, die ihr niemals das Wasser reichen würde.

Vermutlich war der schlimmste Schlag für Irina Sanders gewesen, dass sie, der man vier Wochen nach der Geburt ihrer Kinder die Schwangerschaft nicht mehr ansehen konnte, eine Tochter hatte, die ihre Probleme mit Sahnetorten erstickte. Die wenigen Momente, in denen die kleine Charlie sich der Aufmerksamkeit ihrer Mutter sicher sein konnte, waren die, wenn sie mal wieder dicker geworden war. Dann hatte Irina ihr eine Rede über Disziplin gehalten, damals noch mit stark russischem Akzent. Das war noch so eine Sache. Obwohl Charlie fließend Russisch sprach, unterhielten sich Mutter und Tochter niemals in dieser Sprache. Vielleicht war das für Irina Sanders einfach zu viel der Intimität.

»Sieht so aus, als hättest du wenigstens etwas abgenommen«, bemerkte Irina Sanders nun. »Dann scheint das Arbeiten ja doch zu etwas gut zu sein.«

Ihre Mutter wandte sich wieder der Zeitschrift zu und die Audienz war beendet. Charlie kannte es nicht anders. Sie hätte sich schlichtweg gewundert, wenn Irina plötzlich Interesse an ihrem Beruf oder ihren Erfahrungen in Marienburg gehabt hätte. Mittlerweile konnte das Desinteresse ihrer Mutter sie nicht mehr verletzen. Aber sie wusste noch genau, wie sie als Kind vergeblich um die Aufmerksamkeit dieser perfekten Frau gebuhlt hatte, die Charlie in ihrem ganzen Leben noch nie ungeschminkt gesehen hatte. Der Frau, die einer Freundin einmal gestanden hatte – in Charlies Beisein wohlgemerkt –, dass sie das Tamtam, das andere Leute um ihre Kinder machten, nicht nachvollziehen konnte. Vermutlich war sie erleichtert gewesen, nach zwei gesunden Kindern ihre Pflichten als Ehefrau erfüllt zu haben und sich wieder ihrem luxuriösen Lebensstil widmen zu können. An den meisten Tagen hatte Charlie ihre Mutter nur abends, bevor die Eltern ausgingen, zum obligatorischen »Gutenachtkuss« gesehen.

»Ich gehe mich umziehen«, sagte sie und stieg, ohne eine Antwort abzuwarten, hoch in ihr Zimmer. Sie fragte sich, warum es ihrer Mutter so wichtig war, dass sie frühzeitig hier war, wenn sie sich doch nicht mit ihr abgeben wollte.Ihr Zimmer war unverändert. Picobello aufgeräumt, mit nur wenigen Gegenständen, die zeigten, dass es einmal ein Kinderzimmer gewesen war. Ihre Mutter hasste Unordnung. Die Berge von Spielzeug, die es immer an Weihnachten gegeben hatte, waren stets zügig in Richtung Dachboden aussortiert und dann höchstwahrscheinlich entsorgt worden, damit diese nicht das ›Schöner Wohnen Ambiente‹ im Haus störten.

Irina Sanders, selbst aus ärmlichen Verhältnissen in Russland stammend, über die sie sich weigerte zu sprechen, war mit dem unbedingten Willen ausgestattet, jemand zu sein, zu dem andere aufschauten. Seitdem Geld keine Rolle mehr für sie spielte, kaufte sie sich Luxus und eleganten Stil. Mindestens einmal im Jahr hatte sie eine Innenarchitektin engagiert, die dafür sorgte, dass das Interieur der 450 Quadratmeter großen Bauhaus-Villa den vermeintlich exquisiten Geschmack der Hausherrin repräsentierte. Genauso verfuhr sie mit ihrer Kleidung. Als ehemaliges Model war sie es gewöhnt, Stylisten zu beschäftigen, um nichts dem Zufall zu überlassen. Charlie öffnete den Kleiderschrank, in dem mehrere Tages- und Abendkleider auf sie warteten und zog seufzend ein dunkelgrünes Samtkleid heraus, das ihre Rundungen mehr oder weniger erfolgreich kaschierte.

Als sie umgezogen war, schlich sie in die Küche, um Elli »Hallo« zu sagen. Sie fand die Haushälterin am großen Tisch vor, wie sie soeben mehrere Baguettes vorbereitete. »Hm, das riecht gut.« Schnuppernd stand Charlie in der Tür. Den Backkünsten von Elli konnte niemand das Wasser reichen.»Charlie! Wie schön, dich zu sehen!« Sie wollte Charlie drücken, dann fiel ihr auf, dass sie von oben bis unten mit Mehl bedeckt war. Sie deutete eine Umarmung in der Luft an und ging zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen und hängte die Schürze an einen Haken.

»Wie geht es dir? Hast du Hunger?«, rief sie Charlie über die Schulter hinweg zu.»Eigentlich nicht, aber wenn ich das hier rieche …«

Mit nun sauberen Händen drehte Elli sich zu ihr um, kam auf Charlie zu und nahm sie tüchtig in den Arm. Charlie sank an ihren ausladenden Busen. Dann stellte Elli ihr breit grinsend einen Teller mit Franzbrötchen und einen Milchkaffee hin.

»Erzähl mal, wie ist das wilde Theaterleben?« Neugierig beugte sie sich vor und sah Charlie mit glänzenden Augen an. »Hast du schon einen feschen Mann kennengelernt?«

Charlie musste lachen. Elli war ein begeisterter Operettenfan und stellte sich das Leben am Theater gern wie eine ebensolche vor.

»Schön wär’s!«, erwiderte Charlie seufzend. Auf einmal wanderten ihre Gedanken zu Jonathan. Was er jetzt wohl machte? Vielleicht hatte sich ein Lächeln in Charlies Gesicht geschlichen oder es lag an Ellis siebten Sinn. Augenblicklich jedenfalls leuchteten Ellis Augen wissend.

»Das gibt es doch nicht! Unsere Charlie ist verliebt! Ich habe Fred ja immer gesagt, wart’s ab, habe ich gesagt, da muss einfach mal der Richtige kommen! Wer ist es? Ich will alles wissen! Ein Dirigent? Oder ein Sänger? Bestimmt ein Tenor, oder?« Sofort begann sie, ›Dein ist mein ganzes Herz‹ zu summen.

Charlie musste über ihre Begeisterung lachen und brachte es nicht über sich, es ihrer mütterlichen Freundin gegenüber abzustreiten.

»Es gibt leider nicht allzu viel zu erzählen, wenn sich der Angebetete leider nicht für einen interessiert, oder?«

»Ach, wie schade! Auch noch unglücklich verliebt? Aber warte es nur ab. So einer schönen jungen Frau wird er nicht allzu lange entkommen können. Du musst es nur richtig anstellen. Pass auf. Es gibt ein paar überraschende Wendungen und dann ganz sicher ein Happy End!«

Charlie musste daran denken, wie sie sich in ihrer Jugend immer mit Elli über die Heldinnen in Jane Austens Romanen unterhalten hatte. Elli war eine hoffnungslose Romantikerin und vielleicht war auch das der Grund, warum Charlie sich in jemanden wie Jonathan verliebt hatte. »Wenn du doch bloß recht hättest!«

Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und dachte daran, wie wundervoll es wäre, eine eigene Familie zu haben. Mit ihren eigenen Kindern würde sie alles anders machen, das hatte sie sich geschworen. Sie würden in Liebe und Geborgenheit aufwachsen und sich so viel schmutzig machen dürfen, wie sie nur wollten.»Hier bist du!«, erklang wie auf Stichwort die erboste Stimme ihrer Mutter hinter ihr. Ihre schwarzen Augen sprühten Funken. »Man sollte meinen, dass du zuerst deinen Vater begrüßt!«Ja, das sollte man vielleicht, wenn die Dinge in ihrer Familie so wären wie bei normalen Leuten. Waren sie aber nicht. Charlie ballte kurz die Fäuste, schluckte ihren Ärger hinunter – vierundzwanzig Stunden würde sie das Ganze aushalten – und folgte ihr.

Pieter Sanders Arbeitszimmer war ein düsterer, holzgetäfelter Raum, der sich streng den Modernisierungsversuchen der Innenarchitektin und ihrer Mutter verweigerte. Als er Irina geheiratet hatte, hatte er ihr in allen Dingen freie Hand gelassen. Nur in seinem persönlichen Reich bestand er auf der Einrichtung, in der schon sein Großvater die Geschicke des Unternehmens gesteuert hatte. Er hob den Kopf, als sie hereinkamen, legte ein Dokument auf den Schreibtisch vor sich und fuhr mit seinem Rollstuhl auf sie zu.

»Charlie.«»Papa.«

Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die welke Wange. Verwundert registrierte sie, wie sehr er seit dem letzten Mal gealtert war. Sicher, er saß schon seit einer Weile im Rollstuhl, aber hatte trotzdem vital gewirkt. Nun hatte sie das Gefühl, einen Greis vor sich zu haben. Ob er krank war?

»Wie schön, dass du dich auch mal wieder blicken lässt«, bemerkte er und das Lächeln seiner Lippen reichte nicht ganz bis in seine Augen.

»Ich habe sie in der Küche vorgefunden!«, mischte ihre Mutter sich ein.»Danke, meine Liebe«, erwiderte ihr Vater mit leiser Stimme. »Wann werden denn Henrik und seine Freundin hier ankommen?«

Das Strahlen, das nun in den Augen ihrer Mutter zu sehen war, gab Charlie einen wohlbekannten Stich ins Herz.»

So gegen sechszehn Uhr. Ist es nicht großartig? Da lernen wir die Freundin unseres Sohnes genau an Heiligabend kennen. Das muss doch etwas bedeuten, oder?«

Als sie später alle zusammen mit einem Glas Champagner am Kamin saßen, ahnte Charlie, dass die geheimen Wünsche ihrer Mutter in Erfüllung gegangen waren. Es schien fast, als hätte ihr Bruder sich in eine Doppelgängerin seiner Mutter verliebt. Viktoria – natürlich hieß sie Viktoria, wie konnte eine Freundin ihres mustergültigen Bruders auch sonst heißen – war eine großgewachsene, wunderschöne junge Frau mit strahlend blauen Augen, langen schwarzen Haaren und einer in jeder Hinsicht perfekten Figur. Zu allem Überfluss hatte sie soeben ihr Jurastudium summa cum laude abgeschlossen. Irina Sanders hing förmlich an ihren Lippen. Einmal mehr fühlte Charlie sich inmitten ihrer Familie fehl am Platz und betete, dass der Abend schnell vorbeigehen möge. Sie hielt sich, soweit es ging, aus den Gesprächen heraus, nickte nur hin und wieder und murmelte gelegentlich etwas Zustimmendes.

Doch schließlich machte Viktoria den schweren Fehler, sich direkt an Charlie zu wenden. Diese war in Gedanken gerade bei der Silvesterfeier, an der höchstwahrscheinlich auch Jonathan teilnehmen würde. Vielleicht, ja vielleicht wäre es möglich, dass …

»Charlie!« Die beißende Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken.

»Wie bitte?« Sie hatte nicht mitbekommen, über was soeben geredet worden war. Viktoria lächelte sie charmant an und ließ ihre perlweißen Zähne aufblitzen. »Ich hatte gefragt, was du so machst. Bist du auch im Familienbetrieb tätig?«

Charlie sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Hat Henrik das noch gar nicht erzählt? Ich bin am Theater. Als Dramaturgin.« »Ach, das ist ja interessant! Nein, Henrik hat das gar nicht erwähnt.« Neckisch wandte sie sich zur Seite und stupste ihn an die Schulter. »Dass du aber auch aus allem immer so ein Geheimnis machen musst!« Sie drehte sich wieder zu Charlie. »Ihm muss man solche Sachen förmlich aus der Nase ziehen. Aber«, und hier beugte sie sich verschwörerisch vor, »momentan liest man ja überall, dass die Jobs am Theater ziemlich schlecht bezahlt sind?« Mit großen Augen blickte Viktoria sie an, als könnte sie sich nicht vorstellen, wie sich jemand freiwillig für einen schlecht bezahlten Job entscheiden konnte.

»Kann sein. Aber mir kommt es nicht auf das Geld an. Mir gefällt es dort.«

»Na ja, Charlotte muss ja auch nicht aufs Geld gucken«, mischte Irina Sanders sich ein und stieß ein kleines Lachen aus. »Das ist so etwas wie ein Hobby für sie, bis sie herausgefunden hat, was sie wirklich machen möchte. Probier doch noch etwas von diesen Auberginen.« Auffordernd deutete sie auf ein Tablett, auf dem gebackene Auberginen um eine Frischkäsefüllung gerollt lagen. Charlie presste die Zähne fest zusammen, um nicht laut losschreien zu müssen.

»Danke, deine Art der Unterstützung ist großartig.«

»Schon gut, lasst uns darüber nicht mehr sprechen.« Irina wandte sich an Viktoria, als wäre Charlie nicht mehr im Raum. »Charlotte wird irgendwann auch ihren Weg finden, etwas für diese Familie zu leisten.«

Der Tonfall ihrer Mutter war vordergründig freundlich. Aber Charlie wusste, wie sie das meinte. Auf einmal platzte ihr der Kragen und alle Emotionen, die sie so tief in sich vergraben hatte, bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche.

»Und du, Irina?«

Ihre Mutter kniff warnend die Augen zusammen, doch Charlie war nicht mehr zu stoppen.

»Was hast du für diese Familie getan? Außer dir einen reichen Mann zu angeln, meine ich!« Auf einmal wurde Irina blass um die Nase

.»Du wirst unverschämt!«, sagte sie mit vor Zorn zitternder Stimme. Da wusste Charlie plötzlich, dass genau jetzt und hier der Zeitpunkt gekommen war, an dem sie nicht mehr schweigen wollte. »Ich meine, was hast du hier geleistet? Du gibst das Geld meines Vaters in vollen Händen aus und dein einziger Beitrag dafür ist dein Aussehen. Du hast keine Bildung und kein Benehmen. Eigentlich kommst du aus der Gosse. Tu doch nicht immer so, als wärst du etwas Besseres!«

Das saß. Der ganze Raum war verstummt. Viktoria hatte sich peinlich berührt abgewandt, Henrik ballte die Fäuste und ihr Vater starrte sie entsetzt an. Es schien, als hätten alle die Luft angehalten. Ein Teil von Charlie bereute ihre Worte sofort wieder. Sie wusste genau, wie nachtragend ihre Mutter sein konnte. Doch der andere, größere Teil dachte: »Das fühlte sich gut an. Hätte ich längst mal machen sollen.«

»Pieter?«, wandte Irina Sanders sich mit zusammengekniffenen Lippen an ihren Mann. »Lässt du sie das einfach so sagen? Mich in meinem eigenen Haus so beleidigen?«

Müde sah ihr Vater auf, ließ wie ein trauriger Pudel die Schultern hängen. Dann räusperte er sich, tupfte sich umständlich mit der Serviette die Mundwinkel ab und kam zu einer Entscheidung.

»Charlotte …«, begann er zögernd, doch sie unterbrach ihn, weil sie ahnte, was kommen würde. Wie sehr sie sich wünschte, dass er für sie Partei ergriff. Leider war das fünfundzwanzig Jahre lang nicht geschehen.

»Spar dir deine Worte.« Sie bemerkte, wie ihre Stimme bebte. »Ich hätte ohnehin nicht herkommen sollen. Tut mir leid, Viktoria, wenn du unfreiwillig Zeugin eines Familienstreites geworden bist, aber … nun ja, ich fahre dann mal zurück nach Hause. In mein neues Zuhause. Und außerdem«, nun wandte sie sich an ihre Mutter, »ich verdiene mein eigenes Geld und brauche eure finanzielle Unterstützung nicht. Vielen Dank.«

Sie straffte ihre Schultern und ging mit weichen Knien aus dem Raum, hinauf in ihr Zimmer. Ihr Herz klopfte wie wild und ihre Hände zitterten, als sie sich das Kleid und die passenden Pumps auszog und wieder in Jeans und Pulli schlüpfte. Doch auf keinen Fall wollte sie jetzt weinen. Sie biss sich in die Mundwinkel, um die Tränen zu unterdrücken, die in ihr lauerten. Hastig packte sie ihre Sachen in den Trolley, tat noch ihre Lieblingspuppe und ihre beiden Tagebücher dazu und machte sich daran, das Haus zu verlassen und eventuell nie mehr zu betreten. Sie war wie erstarrt, als sie die Treppe herunterging. Ob noch eine Bahn in Richtung Marienburg fuhr? Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als es zu versuchen. Sie ging am Wohnzimmer vorbei, ohne sich zu verabschieden. Drinnen hörte sie leises Geflüster. Dann stand sie draußen im Regen.

Gerade wollte sie die Einfahrt hinuntergehen, als Fred neben ihr auftauchte und ihr sanft die Hand auf die Schulter legte.

»Elli hat mir erzählt, was passiert ist. Ich fahre dich.«

Sie wehrte ab. »Das ist nicht nötig, ich komme schon klar.« Es fühlte sich nicht richtig an, jetzt noch den Chauffeur der Familie in Anspruch zu nehmen. »Ich habe ohnehin schon Feierabend. Ich fahre dich, weil ich es möchte, in Ordnung?«

Sie packte ihren Koffer in den Kofferraum und öffnete die Beifahrertür. »Darf ich ausnahmsweise hier sitzen?«

Überrascht sah er sie an, nickte aber und startete den Motor. Erst als er zur A7 anstatt in Richtung des Bahnhofs fuhr, verstand sie, was er vorhatte. »Du kannst mich doch jetzt nicht bis nach Marienburg kutschieren. Das sind fast zwei Stunden für nur eine Strecke!«

»Natürlich kann ich und ich werde das auch. Glaubst du, ich lasse dich in dem Zustand einfach so am Bahnsteig zurück? Das würde Elli mir nie verzeihen, kannst du mir glauben.«

Diese Nettigkeit öffnete die letzten Schleusen in ihrem Inneren und ließ die Tränen herausströmen. Und weil es dunkel war, ließ sie diese fließen, versuchte nicht, sie zurückzuhalten, sondern atmete bloß so flach wie möglich, in der vagen Hoffnung, dass er ihr Weinen nicht bemerken würde. Schweigend fuhren sie durch die Nacht, doch dann schob er ihr stumm eine Kleenexpackung entgegen, die sie dankbar, aber ebenso wortlos entgegennahm.

Was für ein Glück, dass es wenigstens Fred und Elli gab. Ohne die beiden wäre sie wohl längst verrückt geworden. Ihre Nannys blieben in der Regel nur ein oder zwei Jahre. Diese beiden waren die einzigen Menschen, die immer freundlich zu ihr gewesen waren und sich nach Kräften um sie gekümmert hatten. Wie oft Elli sie vor ihrer Mutter gedeckt oder ihr das Abendessen aufs Zimmer gebracht hatte, wenn sie es aufgrund irgendeines Vergehens nicht bekommen sollte. »Ich werde so schnell nicht wiederkommen«, sagte sie schließlich, als sie schon eine Stunde unterwegs waren und an Bremen vorbeifuhren.

Draußen weinte der Himmel ihre Tränen weiter, die mittlerweile versiegt waren, und ihr wurde klar, dass es ihr um nichts schade war, außer um Fred und Elli. Vielleicht war das ihre Gelegenheit auf ein eigenes Leben. Endlich herauszufinden, wer sie war. Auf jeden Fall war sie ohne die Unterstützung ihrer Eltern erheblich ärmer als vorher. Nun brauchte sie ihren Job dringender als je zuvor. Ein ungekanntes Gefühl der Angst breitete sich aus. Was wäre, wenn beim nächsten Gespräch mit dem Intendanten ihre Entlassung und nicht ihre Beförderung Thema wäre?

»So schlimm?«, fragte er leise. Er war kein Mann großer Worte.

»Ja. Aber ich melde mich bei euch, ok?«

»Bitte, sonst machen wir uns die ganze Zeit Sorgen. Auf Ellis Handy am besten.« Inzwischen regten sich die beiden über die Art und Weise, wie die Sanders ihre Kinder erzogen, nicht mehr auf. Vor Jahren einmal hatte es einen Moment gegeben, wo Elli das Ganze nicht mehr aushielt und Fred bekniete zu gehen. Doch seine Frage »Und was ist dann mit Charlie?« bewog sie zu bleiben. Vermutlich war es nur ihnen zu verdanken, dass die Tochter ihrer Arbeitgeber nicht wie so einige Kinder aus ihrem Bekanntenkreis den Ausweg über die Drogen suchte. Nicht nur in Charlies Elternhaus war nicht alles Gold, was glänzte.

Um ein Uhr nachts bog Fred in die kleine Gasse ein, in der Charlies Wohnung lag. Sie stiegen aus und er trug ihr kommentarlos den Koffer die kleine Treppe hoch, die zu ihrem Eingang im ersten Stock führte. »Nett hast du es hier«, kommentierte er die bunt zusammengewürfelte Einrichtung. Viele der Möbel hatte sie von ihren Vormietern übernommen, einem Paar aus den USA, das zurück in die Staaten gegangen war. »Geht ganz gut ohne Innenarchitektin, oder?« Sie grinste. Dann wurde sie ernst. »Ich werde euch vermissen.«

»Wir dich auch. Pass gut auf dich auf und wenn du irgendetwas brauchen solltest …«

»Danke, das weiß ich zu schätzen.« Nachdem er sich mit einer aufmunternden Umarmung verabschiedet hatte, fühlte sie sich wie der einsamste Mensch auf dem Planeten. Wie viele Leute wohl den Heiligabend allein verbrachten?

Auf einmal wurde ihr klar, dass sie jetzt vollkommen auf sich gestellt war. Eine leichte Panik stieg in ihr auf und schnürte ihr den Hals zu. Von diesem Moment an würde ihr Leben ohne Netz und doppelten Boden ablaufen. Mit wacheren Augen musterte sie die Wohnung, die nun ihre einzige Welt war. Als sie eingezogen war, hatte sie das zusammengewürfelte Mobiliar wie ein aufregendes Accessoire ihres neuen Künstlerlebens betrachtet. Doch nun erschien es ihr ärmlich und ungenügend. Das Geschirr passte nicht zusammen und türmte sich in der Spüle, wenn sie es nicht sofort wegräumte. Die fensterlose Küche besaß lediglich zwei Kochplatten ohne Backofen. Das Sofa im kleinen Wohnzimmer war durchgesessen und nur mit Überwurf zu gebrauchen. Weil es kein Regal gab, waren die Bücher stattdessen in einer Ecke zu einem Turm gestapelt. In der engen Dusche spürte sie unweigerlich den geblümten Plastikvorhang an ihrem nassen Körper kleben.

Unruhig strich sie durch die Räume und sah durch das Wohnzimmerfenster auf die dunkle Straße. In den meisten Häusern brannte kein Licht mehr. Nur schräg gegenüber flackerte ein Fernseher. Waren all ihre Nachbarn über Weihnachten verreist? Sie fühlte sich einsamer als je zuvor in ihrem Leben und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Eine böse Stimme in ihrem Inneren flüsterte, dass es ihr recht geschehe und sie sich ihr Elend selbst zuzuschreiben habe. Die jahrelangen Einflüsterungen ihrer Mutter versuchten, Macht über sie zu bekommen. Diese gemeinen Worte, die stets nur dem einen Zweck dienten, aus ihr die folgsame Sklavin von Irina Sanders zu machen.

Doch sie war kein Kind mehr, das zur Strafe auf sein Zimmer geschickt wurde. Sie war eine erwachsene Frau mit einem eigenen Leben und einem eigenen Job. Entschlossen ballte sie die Fäuste, presste die Lippen fest aufeinander und ermahnte sich mantraartig zur Stärke. Mit eisernem Willen bekämpfte sie die aufkeimenden Gedanken, die nach Hoffnungslosigkeit und Angst schmeckten.

Nein, jedes Ende war ein neuer Anfang. Dies war der Moment, die Veränderungen in ihrem Leben anzunehmen wie eine Weide, die sich im Sturm bog, und nicht daran zu zerbrechen. Leise, ganze leise begann ein bislang ungekanntes Gefühl in ihrer Seele zu keimen. Ein Gefühl von unendlichen Möglichkeiten. Sie war nur noch für sich selbst verantwortlich und völlig frei zu tun und zu lassen, was sie wollte. Mit einem kämpferischen Lächeln auf den Lippen fiel sie schließlich in einen unruhigen Schlaf.

Dies ist eine Geschichte aus meinem Roman „Puccini zum Frühstück“. Wenn ih mehr davon lesen wollt: Hier gibt es eine Leseprobe auf Amazon

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Mal ein bisschen Fantasy …

Momentan hat mich grad die Fantasy-Literatur gepackt und ich verfolge begeistert die Geschichten vom „Hexer“. Kennt die noch jemand? Andrzej Sapkowski heißt der Autor. So mitreißend, dass ich mittlerweile schon im dritten Band stecke.

Die Geschichten um den Hexer Gerald von Riva erinnern mich an die Zeit, in der ich begeistert meine Nächte mit Fantasyrollenspielen am Computer verbracht habe. Besonders „Word of Warcraft“ hatte es mir mal sehr angetan! Doch nicht nur aus nostalgischen Gründen machen die Geschichten um Geralt und Ciri, die Prinzessin eines verlorenen Königreiches so viel Spaß. Auch die Sprache und die unerwarteten Handlungsstränge saugen einen tief in die Saga herein. Wie gut, dass es noch zwei weitere Bände gibt!

Wenn ich dann so einen Regenbogen draußen sehe, erinnere ich mich daran, wie gut mir als Kind eine Geschichte um Feen gefallen hat, die über eine Regenbogenbrücke in ihr Reich kommen. Vielleicht versuche ich mich demnächst auch mal an einer Fantasygeschichte. Wie sieht es bei euch aus? Lest ihr so etwas auch gern?

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Waldlauf mit Folgen

Team Stadt oder Team Land? Wo fühlt ihr euch am wohlsten? Meine neue Protagonistin Laura hat da gegenwärtig eine sehr klare Meinung: am liebsten wieder umgehend in eine Großstadt. Was meint ihr, ändert sie ihre Ansichten noch in Verlauf der Geschichte? Und was hat das alles mit einem Stier zu tun?

Der Himmel war bedeckt, aber man spürte deutlich, dass der Winter nun passé war. Eine leichte Brise strich ihr um die Nase. Unschlüssig stand sie an der Straße und blickte die geordnete Reihe Einfamilienhäuser entlang. Rechts oder links? Über die frisch gesäten Felder oder lieber in den Wald?

Laura dachte daran, wie die New Yorker den Central Park liebevoll ihren „Wald“ nannten und wie hochgeschätzt jedes Fitzelchen Grün in der betonlastigen Stadt war. Das gab den Ausschlag. Gemächlich trabte sie links die Straße herunter, den Feldweg entlang, auf dem sie als Kind Fahrradfahren gelernt hatte, und tauchte dann in das Gehölz ein.

Tapfer bemühte sie sich, die frische Luft zu genießen und dem Gesang der Vögel zu lauschen, der aus den Baumwipfeln zu ihr herunterschallte. Doch mehr und mehr wurde ihr etwas überdeutlich bewusst: Es war hier zu still. Ihr fehlten die in New York allgegenwärtigen Verkehrsgeräusche, die Mütter mit ihren Kinderwagen, ihr fehlten sogar die aufdringlichen Bettler und Straßenverkäufer.

Die ungewohnte Ruhe des Waldes löste ein latentes Unbehagen in ihr aus, musste sie erstaunt feststellen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass das früher so gewesen war. Als Teenager, als ihr klar geworden war, dass man sich eine schlanke Figur hart erarbeiten musste, war sie häufig hier entlanggelaufen. Und nun machte ihr ausgerechnet ihre ehemalige Stammstrecke Angst!

Plötzlich hörte sie ein Knacken hinter sich und fuhr zusammen. Augenblicklich fühlte sie sich verfolgt. Sie beschleunigte instinktiv ihre Schritte und warf verstohlen einen Blick über die Schulter. Doch es war niemand zu sehen. Ein Teil von ihr wollte dennoch sofort umdrehen.Sie schalt sich eine Närrin. Nein, von so etwas wie Angst ließ Laura sich nicht von ihrem Sportprogramm abbringen. Morgen würde sie sich Pfefferspray besorgen, damit sie sich besser fühlte. Für heute musste es so gehen.

Sie nahm ihre Kopfhörer aus der Tasche und stellte eine schwungvolle Musik an. Zu den Beats von Rihanna lief es sich schon viel besser, weil sie nicht auf irgendwelche Geräusche lauschen konnte. Sie spürte, wie sie sich entspannte und die Füße wie von selbst in den richtigen Rhythmus fanden. Nun genoss sie die frische Luft und hatte fast das Gefühl zu schweben, während sie sich von ihren Füßen über den weichen Waldboden tragen ließ. Eine angenehme Gelassenheit breitete sich in ihr aus.

Das wirre Karussell ihrer Gedanken begann sich zu beruhigen und wich einer Ahnung von Klarheit und ja, auch Hoffnung. Vielleicht täuschte sie sich darin, dass sie aus dem Sumpf, in den sie sich selbst begeben hatte, nicht wieder herauskommen konnte. Vielleicht würde sie doch noch einen Weg finden und irgendwann sogar einen neuen Anlauf ins Glück starten können. Vielleicht …„Vorsicht! He, pass auf!“

In die Musik mischte sich das Rufen einer männlichen Stimme. Verwundert drehte sie sich um. Woher kam dieser Ruf?

Der Blick hinter sich zeigte ihr, dass ihr diese Frage herzlich egal sein konnte, nein, musste. Wenige, vielleicht zweihundert Meter entfernt, fegte ein riesiges Tier durch das Unterholz. War das ein Stier? Pechschwarz und wutschnaubend jedenfalls. Und mit einem Paar Hörner bestückt, die einem die Eingeweide rausreißen konnten. Dass ihr bei diesem Anblick das Blut in den Adern gefror, war ausnahmsweise mehr als eine Floskel aus einem schlechten Thriller.

Einen Moment lang starrte sie fassungslos auf das schwarze Ungetüm, unfähig, irgendeine lebensrettende Entscheidung zu fällen. Denn eines war klar – das Tier hielt direkt auf sie zu.„Weg da!“

Dieser Befehl löste endlich ihre Erstarrung. Sie dreht sich um und rannte los. Schlug zweimal Haken, um nicht mehr in der Fluchtrichtung des Tieres zu sein. Doch irgendetwas musste sie an sich haben, dass es ihr unbeirrt folgte. Panisch blickte sie sich nach einem Baum um, auf den sie klettern könnte.

Aber die in ihrer Nähe waren viel zu hoch. Mit aller Kraft, die sie hatte, lief sie weiter, aber das Tier kam unaufhörlich näher.Nach allem, was geschehen war, sollte das hier ihr Ende werden? Ein absurder Gedanke stieg in ihr auf: das Foto ihres durchlöcherten Körpers auf der Titelseite der New York Times mit der Überschrift „Skandal-Ex von Stier gepfählt“.

Alle, die die Geschichte kannten, würden sich zunicken und meinen: „Irgendwie geschieht ihr das recht, was für ein unwürdiges Ende.“

Sie stolperte über die dicke Wurzel eines Ahornbaumes und entdeckte linker Hand plötzlich eine mögliche Rettung. Ein großer Nadelbaum hatte den Herbststürmen offenbar nicht standgehalten und war quer über einer Eiche gelandet. Das könnte ihre Chance sein, sich außerhalb der Reichweite des Ungetüms in Sicherheit zu bringen.

Das Tier war mittlerweile nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Das Stampfen der Hufe dröhnte laut in ihren Ohren. Sie mobilisierte ihre letzten Reserven, doch der Abstand zwischen ihnen wurde immer kleiner.„Hilfe“, bat sie stumm in Richtung Himmel, obwohl sie längst aufgehört hatte, an spirituelle Dinge zu glauben.

„Hilf mir und ich werde der beste Mensch sein, den man sich vorstellen kann!“Wenige Schritte trennten sie von dem rettenden Baum. Aber nun war klar, dass sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde. Sie meinte, schon fast den Atem des Angreifers in ihrem Nacken zu spüren. Verzweifelt kämpfte sie sich weiter und wartete die ganze Zeit auf den unausweichlichen Aufprall.

Ein ohrenbetäubender Knall war zu hören. Laura fiel zu Boden und schaffte es gerade noch, schützend ihre Arme über den Kopf zu heben. Kleine Äste auf weichem Waldboden bohrten sich in ihr Gesicht, während sie auf das Ende wartete. Dieses war überraschend still, unspektakulär und … merkwürdigerweise war da kaum Schmerz, stellte sie mit einiger Erleichterung fest. Zumindest wenn man von dem Brennen an ihrem rechten Knie absah. Doch wieso war es so still?

Vorsichtig senkte sie die Arme und hob den Kopf, um einen Blick über die Schulter zu riskieren.Fassungslos registrierte sie, dass der kraftvolle Bullenkörper schlaff auf einem Bett aus Tannennadeln lag. Ob er tot war? Wie konnte das sein?

Da erst merkte sie den großgewachsenen Mann, der mit eiligen Schritten näherkam. Er war wie eine Erscheinung, ein Wunder aus einer fremden Welt, mit der Schrotflinte im Arm, dem Jägerhut und dem Holzfällerhemd.

Plötzlich schaffte es ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke und tauchte die Szenerie in ein unwirkliches Licht. Kurz dachte sie an ein anderes Bild: die Jungfrau in der Sage, die der edle Ritter den Klauen des Monsters entreißt. Dann begann der edle Ritter zu sprechen und wie eine Seifenblase verflüchtigte sich das Bild wieder.

„Alles in Ordnung mit dir?“

Seine Miene war bestürzt, seine Stirn gefurcht.

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch auf einmal merkte sie, wie sie vor Schreck am ganzen Körper zitterte. Unkontrollierbar bewegte sich ihre Arme hin und her.

„Ich denke schon“, brachte sie schließlich krächzend hervor.

Als wäre er sich nicht sicher, ob er das wirklich glauben könnte, beugte er sich vor und reichte ihr eine große, schwielige Hand. Die Hand eines Mannes, der täglich körperlicher Arbeit nachging, das konnte man unschwer erkennen. Vincents Hände waren immer weich und gepflegt gewesen, nicht durch eine einzige Schwiele verunstaltet.Kritisch inspizierten seine erstaunlich blauen Augen ihren Zustand. Auf einmal hatte sie das Gefühl, ihn von irgendwoher zu kennen, doch es wollte ihr einfach nicht einfallen, woher.

Sie ergriff die Hand und ließ sich hochhelfen. Mit weichen Knien stand sie schließlich über dem Ungetüm mit dem schwarzglänzenden Fell. Schweigend verharrten sie einen Moment nebeneinander.

„Ist er tot?“, fragte sie leise und bemerkte, dass ihr das trotz allem etwas ausmachen würde.Irritiert sah ihr Retter sie an. Da erst entdeckte sie die Blutlache, die sich neben dem Kopf des Tieres auszubreiten begann, und ihr Magen verkrampfte sich. Mit plötzlich aufkeimender Angst sah sie den Mann neben sich an. Wie hatte er aus der Entfernung das Tier so zielgenau zu treffen vermocht? War so etwas überhaupt erlaubt?

Er schien ihr Unbehagen zu bemerken und ließ das Gewehr, das er noch immer in der Hand trug, auf den Rücken gleiten.

„Der Bulle sollte in den Transporter zum Schlachthof verladen werden und ist in Panik geraten. Dein Glück, dass ich gleich hinterher bin und nicht auf die Polizei gewartet habe. Ich hatte so ein ungutes Gefühl …“

Mit einem schiefen Grinsen sah er sie an. Wieder dachte sie, dass er ihr irgendwie vertraut vorkam. Sicher, wenn er ein Bauer hier aus der Gegend war, waren sie sich vermutlich schon als Kinder begegnet. Wie alt mochte er sein? So alt wie sie oder ein winziges Bisschen älter?Plötzlich lachte er schallend auf.

„Du hast keinen blassen Schimmer, wer ich bin, oder?“

Konzentriert suchte sie in ihrem Gehirn nach einer Idee, wer er wohl sein konnte. Da endlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Natürlich. Er war der Hipster mit dem Fahrrad, der ihr bei ihrer Ankunft begegnet war, und musste ein Freund von ihrem Schwager sein.

„Doch“, entgegnetet sie zögernd. „Wir haben uns vor vier Tagen gesehen, als du aus dem Haus meiner Schwester gekommen bist.“

Damit schien sie ihn verärgert zu haben. Er kniff die Lippen zusammen und musterte sie kühl.Während sie darüber nachgrübelte, wieso er so seltsam reagierte, spürte sie plötzlich, wie das Blut in ihren Ohren zu rauschen begann, dann sackten ihr die Knie weg.(…)


Dies ist exklusiv für den Autorenadventskalender ein Auszug aus einem Roman, an dem ich momentan arbeitet, mit dem vorläufigen Titel „Lauras Rückkehr“. Hat es euch gefallen? Dann würde ich mich über eure Rückmeldung freuen! Wenn ihr wissen möchtet, wann der Roman veröffentlicht wird, könnt ihr mir gern auf Facebook oder Instagram folgen oder auch meinen Newsletter abonnieren. Neugierig, was ich sonst noch so schreibe? Hier geht es zu meinen bisherigen Romanen.

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Wird es irgendwann so sein, wie es war?

Für mich, wie vermutlich für viele andere auch, waren die letzten Wochen geprägt von starken Unsicherheiten. Ständig hin- und hergerissen zwischen dem Stalken von Nachrichten zum Verlauf der Pandemie und dem Versuch, gar nichts mehr davon hören zu wollen und das Beste aus einer schwierigen Zeit zu machen.

Im Endergebnis war ich irgendwann so sehr beschäftigt, die Anforderungen des Alltäglichen zu erfüllen und mich an die surrealen Situationen auf Straßen und in Supermärkten zu gewöhnen, dass ich kaum noch einen Satz geschrieben haben. Wie auch? Aufgefressen von Sorgen, aber auch ständig in innerer Diskussion um eine ganz wesentliche Frage: Wird es irgendwann wieder so sein, wie es war?

Dazu kommt für Autoren ein weiteres Problem: Kann man noch die Welt, das Alltägliche von früher beschreiben? Immerhin schreibe ich über menschliche Nähe. Wie aber würde die in Zeiten von Corona aussehen? Ich habe keine Erfahrung darin, wie man im Lockdown die wahre Liebe findet. Gibt es vielleicht jemanden von euch, der so etwas erlebt hat oder gab es in der Zeit einfach gar keine neuen Beziehungen?

Oder auch: Möchte das überhaupt jemand lesen? Vielleicht ist es schöner, sich mit einem mitreißenden Roman in eine andere, unkomplizierte Welt zu flüchten, in die Welt vor sozialer Distanzierung und Gesichtern, in denen noch höchstens die Augen lächeln können.

Momentan habe ich mich für Letzteres entschieden. Langsam habe auch ich mich an das gewöhnt, was mir zuerst unmöglich erschien, und arbeite weiter an Geschichten, die noch in einer anderen Wirklichkeit spielen.

Bald gibt es wieder etwas Neues zu lesen. Bis dahin: bleibt gesund!

Foto: Pixabay
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An alle Kaffeejunkies

Gibt es noch jemanden von euch, der ohne Kaffee morgens gar nicht in Gang kommt? Ich oute mich hier mal als totaler Kaffeejunkie. Am liebsten den guten italienisches Espresso. Im Notfall trinke ich aber auch alles, das im Entferntesten an Kaffee erinnert.

Da macht es mir meine Protagonistin Charlie aus „Puccini zum Frühstück“ übrigens nach.

Hier eine kleine Kaffeeszene:

Mit einem Ruck sprang sie aus ihrem Bett, ignorierte die zerwühlten Laken und eilte unter die Dusche. Wie hatte sie ihr Vorstellungsgespräch vergessen können? Noch nicht einmal ihre Sachen waren gepackt. Außerdem wollte sie sich eigentlich noch die Haare glätten und ihre Bluse musste dringend gebügelt werden. Doch dafür war keine Zeit mehr. Eilig zog sie Jeans und Pullover an, warf frische Kleidungsstücke und Kulturbeutel in den Koffer und schnappte sich ihre Laptoptasche. Um elf Uhr dreißig stapfte sie im Stechschritt los.

Eine eisige Brise blies ihr den Regen ins Gesicht und es wunderte sie nicht, dass sie außer Hundebesitzern keiner Menschenseele begegnete. Bei dem Wetter würde sie auch lieber die Füße auf die Heizung legen. Ihr Zug stand bereits am Gleis, als sie keuchend hinaufkam. Sobald sie eingestiegen war, schlossen sich die Türen hinter ihr. Völlig erschossen sank sie in einen der Sitze und musste zunächst tief durchatmen.

»Kaffee?«, fragte ein Mann, der einen Wagen mit Snacks durch den Gang bugsierte. Sie nickte dankbar.

Mehr davon? Hier geht es zu Leseprobe auf Amazon

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Der ganz normale Wahnsinn…

Wer kennt das noch? Manche Tage sind einfach von vornherein verflucht. So auch bei meiner Protagonistin Cecilia, die bereits mit dem falschen Bein aufsteht. Doch das ist längst nicht alles, was das Schicksal für sie bereithält. Wenn ihr Lust auf eine romantische Aschenputteladaption mit einer alleinerziehenden Mutter in der Hauptrolle habt, dann seid ihr hier richtig. Aber lest selbst…

Mit nervtötend fröhlicher Melodie riss sie der unbarmherzige Wecker aus den Armen eines Märchenprinzen, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem jungen George Clooney hatte. Der prunkvolle, durch hunderte von Kerzen erleuchtete Ballsaal, in dem Cecilia Weiß eben noch dem Happy End entgegengetanzt hatte, war verschwunden. 

Stattdessen befand sie sich im Bett in ihrer aus allen Nähten platzenden Zweizimmerwohnung und neben ihr regte sich jemand. Die Augen halb geschlossen in der vagen Hoffnung, den Traum noch einmal wiederbeleben zu können, bemerkte sie die nackten Füße, die es sich auf ihrer Brust bequem gemacht hatten. Sie seufzte. Offenbar hatte Jakob heute Nacht mal wieder unbemerkt den Weg in ihr Bett gefunden. 

Versonnen betrachtete sie ihren friedlich träumenden Sohn. Seine blonden Locken fielen ihm schweißfeucht in die Stirn. Die Lippen hatte er leicht nach vorn geschoben, so als hätte er immer noch den Schnuller im Mund, den sie ihm vor zwei Jahren mühsam abgewöhnt hatte. Für einen Moment kuschelte sie sich an ihn. Mit gesenkten Lidern genoss sie seine Körperwärme und den ihm so eigenen Duft. Dann schlug Jakob die Augen auf. 

 »Aufstehen, Mama!« 

Müde sah sie ihn an. Wie machte er es bloß, dass er in einem Augenblick tief schlief und im nächsten bereits putzmunter war?

»Komm noch kurz kuscheln, mein Schatz!« Bittend streckte sie ihre Arme nach ihm aus. Doch er entwand sich ihr und zog stattdessen ihre Bettdecke weg. Sofort stellten sich die feinen Haare an ihrem Körper auf. Es war zwar erst Anfang Oktober, aber draußen schon klirrend kalt.

»Halt! Stopp! Das ist gemein!«, protestierte sie.

Jakob lachte nur und tanzte mit der Decke in der Hand um ihr Bett herum. 

»Na, warte!«

Sie sprang aus den Federn und schnappte sich ihren glücklich kreischenden Sohn, um ihn ordentlich durchzukitzeln. Dann verschwand sie in der Dusche. Als sie angezogen und mit einem um die nassen Haare gewickelten Handtuch in die Küche kam, hatte er bereits den schmalen Klapptisch mit ihren Müslischalen gedeckt. 

Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie sich besser beeilen sollten. Jakob hatte kaum den letzten Bissen in den Mund geschoben, als sie ihm die Schüssel wegschnappte und ihn zum Anziehen in sein Zimmer jagte. Sie selbst föhnte sich hastig die glatten haselnussbraunen Haare und band sie locker zusammen. 

Früher hatte sie mit ihren Rehaugen und der ebenmäßigen Haut als Schönheit gegolten. Heute wirkte sie zwar immer noch jünger als die fünfundzwanzig Jahre, die sie war, doch dunkle Schatten ließen ihre Augen hungrig aus dem schmalen Gesicht hervortreten. Manchmal dachte sie, dass sie wie eine Drogensüchtige aussah. 

Als sie kurze Zeit später in Jakobs Zimmer hinüberging, hatte er sich in den wilden Kampf zweier Playmobilritter vertieft. In solchen Augenblicken machte sie seine Verträumtheit wahnsinnig.

»Jakob, du hast ja noch deinen Schlafanzug an!« 

Wie immer ignorierte er sie geflissentlich, bis sie ungeduldig lauter wurde: »Jakob!«

»Moment!«, fauchte er zurück. »Ich bin beschäftigt.«

Sie versuchte, ruhig zu bleiben.

»Wir müssen jetzt wirklich dringend los. Sonst verpassen wir die U-Bahn.»«

»Warum?«, kam die ungläubige Frage. 

Da war schon wieder dieses »Warum?«, das sie regelmäßig auf die Palme brachte.

»Du weißt doch, dass ich auf keinen Fall zu spät kommen darf, sonst verliere ich meinen Job. Nun sei so gut und hilf mir!«

Sie hatte ein schlechtes Gewissen, als sie das sagte, denn jedes Mal, wenn sie ihm mit diesem Tonfall kam, schien er um zehn Jahre vernünftiger zu werden. 

»In Ordnung, Mama.«

Es machte sie traurig, dass sie ihm mit seinen erst fünf Jahren so viel abverlangen musste. Es war kein Zuckerschlecken, wenn man das Kind einer alleinerziehenden Kellnerin war. Sie nahm ihn fest in den Arm.

»Es tut mir leid, dass es momentan so schwierig ist. Bald wird es besser, ok?«

»Ok, Mama«, lächelte er und schaute sie mit einem vertrauensvollen Blick an, als gäbe es nichts, was er ihr nicht zutraute. Dabei war genau dies das Problem. Seit sie ihre Zukunft verloren hatte, traute sie sich selbst nichts mehr zu.

Siebzig Minuten später stand sie tatsächlich hinter der Theke des »Coffee Palace« und konnte es kaum fassen, dass sie es noch rechtzeitig geschafft hatte. Heute pünktlich zur Arbeit zu kommen, war ungefähr so wahrscheinlich gewesen wie eine Emmy-Nominierung für eine deutsche Serie und sie dankte innerlich noch einmal dem Fahrer des Tiefladers, der durch sein Wendemanöver auf offener Straße den Bus gezwungen hatte, auf Cecilia und Jakob zu warten. 

Tief durchatmend hob sie ihre Espressotasse an den Mund und genoss einen kurzen Moment der Ruhe, weil sich noch kein Kunde zu ihr verirrt hatte. Dann aber bog einer der neuen Hybridbusse um die Straßenecke und wie frisch geschlüpfte Spinnen aus ihrem Kokon ergoss sich eine nicht enden wollende Schar Pendler auf den Bürgersteig vor ihrer Eingangstür. 

Nur einen Augenblick später enterten sie das Café. Männer in Anzügen und Frauen in Stöckelschuhen warfen ihre Aktentasche förmlich voraus, um einen vorderen Platz in der Schlange zu ergattern. 

Im Akkord presste Cecilia den frisch gemahlenen Kaffee in den Hebel der Espressomaschine und eilte wie ein Derwisch hinter der Theke hin und her. Doch sie schaffte es nicht, die Ansammlung gestresster Großstädter wenigstens einmal so abzuarbeiten, dass nicht alle mit Leichenbittermiene herumstanden. 

»Geht es nicht ein bisschen schneller?«, fragte eine junge Mutter. Ihr Baby war derart wärmeisolierend in dem Designerkinderwagen verstaut, dass man außer einer sich wütend bewegenden Daunendecke nichts von ihm sah. Damit man seine Anwesenheit trotzdem bemerken konnte, schrie es wie am Spieß und die Augen der Mutter flackerten panisch zwischen der Kuchenauslage und dem Kind hin und her. 

Unglücklicherweise war sie erst die Vierte in der Schlange und niemand kam auf die Idee, sie vorzulassen. Cecilia, die es nie ausgehalten hatte, ihr eigenes Kind schreien zu lassen, starb tausend Tode und als das Baby einen besonders hohen Schrei ausstieß, verbrühte sie sich vor Schreck den rechten Zeigefinger am heißen Dampf des Milchaufschäumers. 

Zu allem Überfluss bestellte die rothaarige Frau mit der Hornbrille vor der jungen Mutter dann auch noch so viel, als plane sie, die Kaffeespezialitäten auf dem Gehweg vor dem Geschäft gewinnbringend weiterzuverkaufen. 

»Zwei mittlere Cappuccinos, einen kleinen Cappuccino mit Sojamilch, einen doppelten Espresso, einen großen Latte Macchiato, koffeinfrei und laktosefrei, und zwei Chai-Latte, mittelgroß. Zum Mitnehmen. Und zwei von den Sandwiches, eins mit Putenbrust und eins mit Camembert.« 

»Putenbrust haben wir heute leider nicht. Darf es vielleicht Kochschinken oder Salami sein?«, erkundigte sich Cecilia, während sie die Bestellung in die Kasse eingab. Der alarmierte Blick aus den kleinen Augen der Brillenträgerin ließen sie wie ein erschrecktes Kaninchen aussehen. 

»Aber Doktor Fahrholz isst wegen seines Cholesterinspiegels nur Putenfleisch!«

»Tja«, machte Cecilia aus Höflichkeit und zuckte bedauernd die Achseln. »Soll es etwas anderes sein?«

Die junge Frau, der man auch ein Post-it mit der Aufschrift »Praktikantin« auf die Stirn hätte kleben können, verfiel in eine Art Schockstarre und antwortete nicht. 

»Siebenunddreißig neunzig macht das dann«, sagte Cecilia schließlich, nachdem sie einen angemessenen Augenblick gewartet hatte, und machte sich hastig an die nächste Bestellung. Sie war heilfroh, als die Mutter endlich ihren Chai-Latte in die Getränkehalterung des Bugaboos stellte und hinausschob. Cecilia fragte sich, was wohl die Ursache für die graue Gesichtsfarbe und den schleppenden Gang der Frau sein mochte. Schlafmangel oder Beziehungsstress?

Ein lautes Platschen riss sie aus den Gedanken. 

»Können Sie nicht aufpassen! Sie haben meine Handtasche ruiniert!« 

Einem der Anzugträger war der Cappuccino heruntergefallen. Ein paar Spritzer schienen die Tasche einer blondierten Dame mittleren Alters erwischt zu haben. Der Rest war schwallartig auf dem Boden verteilt. 

Als Cecilia noch überlegte, ob sie zuerst die Bestellungen fertigmachen oder die Sauerei aufwischen sollte, hörte sie ihr Handy klingeln und ahnte mit sinkendem Herzen, dass das nur Jakobs Kita sein konnte. (…)

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Über das Schreiben

Wollt ihr meinen Arbeitsplatz sehen? Der ist quasi überall. Im Café, auf dem Spielplatz, oder wenn ich im Auto darauf warte, die Kinder irgendwo abzuholen. Seit ich Familie habe, ist die Zeit vorbei, in der ich bis kurz vor Abgabe eine Regiekonzepts, eines Theatertextes oder eines Bühnenbilds immer noch keine Idee hatte und dann einfach drei Tage durchgearbeitet habe.

Früher brauchte es immer einen Zeitdruck. Den gibt es heute auch noch, aber jetzt ist es so: Wenn ich Zeit zum schreiben habe, dann tue ich es. Sonst werde ich nie fertig und ungenutzte Zeit bekommt man nicht zurück. Also ziehe ich immer mit Notizbuch und Handy bewaffnet los. Die besten Ideen gibt es ohnehin unterwegs!

Verratet mir: Wie werdet ihr kreativ?

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