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Schlagwort: Herzschmerz

Der ganz normale Wahnsinn…

Wer kennt das noch? Manche Tage sind einfach von vornherein verflucht. So auch bei meiner Protagonistin Cecilia, die bereits mit dem falschen Bein aufsteht. Doch das ist längst nicht alles, was das Schicksal für sie bereithält. Wenn ihr Lust auf eine romantische Aschenputteladaption mit einer alleinerziehenden Mutter in der Hauptrolle habt, dann seid ihr hier richtig. Aber lest selbst…

Mit nervtötend fröhlicher Melodie riss sie der unbarmherzige Wecker aus den Armen eines Märchenprinzen, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem jungen George Clooney hatte. Der prunkvolle, durch hunderte von Kerzen erleuchtete Ballsaal, in dem Cecilia Weiß eben noch dem Happy End entgegengetanzt hatte, war verschwunden. 

Stattdessen befand sie sich im Bett in ihrer aus allen Nähten platzenden Zweizimmerwohnung und neben ihr regte sich jemand. Die Augen halb geschlossen in der vagen Hoffnung, den Traum noch einmal wiederbeleben zu können, bemerkte sie die nackten Füße, die es sich auf ihrer Brust bequem gemacht hatten. Sie seufzte. Offenbar hatte Jakob heute Nacht mal wieder unbemerkt den Weg in ihr Bett gefunden. 

Versonnen betrachtete sie ihren friedlich träumenden Sohn. Seine blonden Locken fielen ihm schweißfeucht in die Stirn. Die Lippen hatte er leicht nach vorn geschoben, so als hätte er immer noch den Schnuller im Mund, den sie ihm vor zwei Jahren mühsam abgewöhnt hatte. Für einen Moment kuschelte sie sich an ihn. Mit gesenkten Lidern genoss sie seine Körperwärme und den ihm so eigenen Duft. Dann schlug Jakob die Augen auf. 

 »Aufstehen, Mama!« 

Müde sah sie ihn an. Wie machte er es bloß, dass er in einem Augenblick tief schlief und im nächsten bereits putzmunter war?

»Komm noch kurz kuscheln, mein Schatz!« Bittend streckte sie ihre Arme nach ihm aus. Doch er entwand sich ihr und zog stattdessen ihre Bettdecke weg. Sofort stellten sich die feinen Haare an ihrem Körper auf. Es war zwar erst Anfang Oktober, aber draußen schon klirrend kalt.

»Halt! Stopp! Das ist gemein!«, protestierte sie.

Jakob lachte nur und tanzte mit der Decke in der Hand um ihr Bett herum. 

»Na, warte!«

Sie sprang aus den Federn und schnappte sich ihren glücklich kreischenden Sohn, um ihn ordentlich durchzukitzeln. Dann verschwand sie in der Dusche. Als sie angezogen und mit einem um die nassen Haare gewickelten Handtuch in die Küche kam, hatte er bereits den schmalen Klapptisch mit ihren Müslischalen gedeckt. 

Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie sich besser beeilen sollten. Jakob hatte kaum den letzten Bissen in den Mund geschoben, als sie ihm die Schüssel wegschnappte und ihn zum Anziehen in sein Zimmer jagte. Sie selbst föhnte sich hastig die glatten haselnussbraunen Haare und band sie locker zusammen. 

Früher hatte sie mit ihren Rehaugen und der ebenmäßigen Haut als Schönheit gegolten. Heute wirkte sie zwar immer noch jünger als die fünfundzwanzig Jahre, die sie war, doch dunkle Schatten ließen ihre Augen hungrig aus dem schmalen Gesicht hervortreten. Manchmal dachte sie, dass sie wie eine Drogensüchtige aussah. 

Als sie kurze Zeit später in Jakobs Zimmer hinüberging, hatte er sich in den wilden Kampf zweier Playmobilritter vertieft. In solchen Augenblicken machte sie seine Verträumtheit wahnsinnig.

»Jakob, du hast ja noch deinen Schlafanzug an!« 

Wie immer ignorierte er sie geflissentlich, bis sie ungeduldig lauter wurde: »Jakob!«

»Moment!«, fauchte er zurück. »Ich bin beschäftigt.«

Sie versuchte, ruhig zu bleiben.

»Wir müssen jetzt wirklich dringend los. Sonst verpassen wir die U-Bahn.»«

»Warum?«, kam die ungläubige Frage. 

Da war schon wieder dieses »Warum?«, das sie regelmäßig auf die Palme brachte.

»Du weißt doch, dass ich auf keinen Fall zu spät kommen darf, sonst verliere ich meinen Job. Nun sei so gut und hilf mir!«

Sie hatte ein schlechtes Gewissen, als sie das sagte, denn jedes Mal, wenn sie ihm mit diesem Tonfall kam, schien er um zehn Jahre vernünftiger zu werden. 

»In Ordnung, Mama.«

Es machte sie traurig, dass sie ihm mit seinen erst fünf Jahren so viel abverlangen musste. Es war kein Zuckerschlecken, wenn man das Kind einer alleinerziehenden Kellnerin war. Sie nahm ihn fest in den Arm.

»Es tut mir leid, dass es momentan so schwierig ist. Bald wird es besser, ok?«

»Ok, Mama«, lächelte er und schaute sie mit einem vertrauensvollen Blick an, als gäbe es nichts, was er ihr nicht zutraute. Dabei war genau dies das Problem. Seit sie ihre Zukunft verloren hatte, traute sie sich selbst nichts mehr zu.

Siebzig Minuten später stand sie tatsächlich hinter der Theke des »Coffee Palace« und konnte es kaum fassen, dass sie es noch rechtzeitig geschafft hatte. Heute pünktlich zur Arbeit zu kommen, war ungefähr so wahrscheinlich gewesen wie eine Emmy-Nominierung für eine deutsche Serie und sie dankte innerlich noch einmal dem Fahrer des Tiefladers, der durch sein Wendemanöver auf offener Straße den Bus gezwungen hatte, auf Cecilia und Jakob zu warten. 

Tief durchatmend hob sie ihre Espressotasse an den Mund und genoss einen kurzen Moment der Ruhe, weil sich noch kein Kunde zu ihr verirrt hatte. Dann aber bog einer der neuen Hybridbusse um die Straßenecke und wie frisch geschlüpfte Spinnen aus ihrem Kokon ergoss sich eine nicht enden wollende Schar Pendler auf den Bürgersteig vor ihrer Eingangstür. 

Nur einen Augenblick später enterten sie das Café. Männer in Anzügen und Frauen in Stöckelschuhen warfen ihre Aktentasche förmlich voraus, um einen vorderen Platz in der Schlange zu ergattern. 

Im Akkord presste Cecilia den frisch gemahlenen Kaffee in den Hebel der Espressomaschine und eilte wie ein Derwisch hinter der Theke hin und her. Doch sie schaffte es nicht, die Ansammlung gestresster Großstädter wenigstens einmal so abzuarbeiten, dass nicht alle mit Leichenbittermiene herumstanden. 

»Geht es nicht ein bisschen schneller?«, fragte eine junge Mutter. Ihr Baby war derart wärmeisolierend in dem Designerkinderwagen verstaut, dass man außer einer sich wütend bewegenden Daunendecke nichts von ihm sah. Damit man seine Anwesenheit trotzdem bemerken konnte, schrie es wie am Spieß und die Augen der Mutter flackerten panisch zwischen der Kuchenauslage und dem Kind hin und her. 

Unglücklicherweise war sie erst die Vierte in der Schlange und niemand kam auf die Idee, sie vorzulassen. Cecilia, die es nie ausgehalten hatte, ihr eigenes Kind schreien zu lassen, starb tausend Tode und als das Baby einen besonders hohen Schrei ausstieß, verbrühte sie sich vor Schreck den rechten Zeigefinger am heißen Dampf des Milchaufschäumers. 

Zu allem Überfluss bestellte die rothaarige Frau mit der Hornbrille vor der jungen Mutter dann auch noch so viel, als plane sie, die Kaffeespezialitäten auf dem Gehweg vor dem Geschäft gewinnbringend weiterzuverkaufen. 

»Zwei mittlere Cappuccinos, einen kleinen Cappuccino mit Sojamilch, einen doppelten Espresso, einen großen Latte Macchiato, koffeinfrei und laktosefrei, und zwei Chai-Latte, mittelgroß. Zum Mitnehmen. Und zwei von den Sandwiches, eins mit Putenbrust und eins mit Camembert.« 

»Putenbrust haben wir heute leider nicht. Darf es vielleicht Kochschinken oder Salami sein?«, erkundigte sich Cecilia, während sie die Bestellung in die Kasse eingab. Der alarmierte Blick aus den kleinen Augen der Brillenträgerin ließen sie wie ein erschrecktes Kaninchen aussehen. 

»Aber Doktor Fahrholz isst wegen seines Cholesterinspiegels nur Putenfleisch!«

»Tja«, machte Cecilia aus Höflichkeit und zuckte bedauernd die Achseln. »Soll es etwas anderes sein?«

Die junge Frau, der man auch ein Post-it mit der Aufschrift »Praktikantin« auf die Stirn hätte kleben können, verfiel in eine Art Schockstarre und antwortete nicht. 

»Siebenunddreißig neunzig macht das dann«, sagte Cecilia schließlich, nachdem sie einen angemessenen Augenblick gewartet hatte, und machte sich hastig an die nächste Bestellung. Sie war heilfroh, als die Mutter endlich ihren Chai-Latte in die Getränkehalterung des Bugaboos stellte und hinausschob. Cecilia fragte sich, was wohl die Ursache für die graue Gesichtsfarbe und den schleppenden Gang der Frau sein mochte. Schlafmangel oder Beziehungsstress?

Ein lautes Platschen riss sie aus den Gedanken. 

»Können Sie nicht aufpassen! Sie haben meine Handtasche ruiniert!« 

Einem der Anzugträger war der Cappuccino heruntergefallen. Ein paar Spritzer schienen die Tasche einer blondierten Dame mittleren Alters erwischt zu haben. Der Rest war schwallartig auf dem Boden verteilt. 

Als Cecilia noch überlegte, ob sie zuerst die Bestellungen fertigmachen oder die Sauerei aufwischen sollte, hörte sie ihr Handy klingeln und ahnte mit sinkendem Herzen, dass das nur Jakobs Kita sein konnte. (…)

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