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Schlagwort: Familienfeier

Driving home for Christmas

Um ein peinliches Geheimnis zu bewahren, überredet Studentin Kate ihren Pannenhelfer, sich an Weihnachten als ihr Freund auszugeben und nimmt ihn mit in die beschauliche Kleinstadt Dawsonville in Vermont. Sie ahnt nicht, dass er ein berühmter Rockstar auf der Suche nach seinen Wurzeln ist. Als er die ausgerechnet in Kates Heimatstadt zu finden glaubt, nimmt das Chaos seinen Lauf. 

Lest hier exklusiv und als Teil des großartigen Autoren-Adventskalenders den Beginn meines vierten, noch unvollendeten Romans. Frohe Weihnachten!

Dicke Schneeflocken segelten auf die Windschutzscheibe des Buicks, den ihr Vater ihr zum Beginn ihres Studiums geschenkt hatte, stolz darauf, dass sie sich nun doch für Yale entschieden hatte, anstatt nach Paris zu gehen. „Damit du immer nach Hause kannst, wenn dir danach ist.“ 

Das war typisch für ihren Vater und den Helden ihrer Kindheit. Alles würde er tun für seine „Prinzessin“, wie er sie nannte, für das Nesthäkchen der Familie. Wie gut, dass er nicht ahnte, dass Kate triftige Gründe hatte, ihre kleine Heimatstadt in den Hügeln von Vermont zu meiden und eigentlich in nächster Zeit nicht geplant hatte, zurückzukommen. Geheimnisse wahrten sich nämlich schlecht in dem 900-Seelen-Nest Dawsonhills, wo jeder jeden kannte.

Verdammt, was war denn das Dunkle da mitten auf der Straße? Es sah aus wie ein Rentier. Instinktiv stieg sie in die Eisen, auch wenn ihr Fahrlehrer ihr eingebläut hatte, dass das bei Eis und Schnee ein tödlicher Fehler sein konnte. Augenblicklich brach der Wagen nach links aus und kam ins Trudeln. Verzweifelt versuchte sie gegenzulenken. Doch der Boden unter der Schneedecke war spiegelglatt.

„Scheiße!“, fluchte sie. 

In Gedanken sah sie die Bäume auf sich zurasen, sah die heftige Kollision, ihr eigenes Ende. Wenigstens einmal in diesem Leben hätte sie sich richtig verlieben sollen, dachte sie betrübt. Unweigerlich schoss der Wagen auf die mächtigen Kiefern zu, die den Weg säumten. Sie hatte keine Chance. Ein dicker Stamm befand sich direkt in ihrer Richtung. Sie schrie, schloss die Augen, betete. 

Es gab einen starken Ruck. Der Druck auf ihren Rippen ließ sie nach Luft schnappen. Sie öffnetet die Augen wieder und stellte fest, dass sie kopfüber über dem Lenkrad hing. Wie ein Pfeil hatte die Motorhaube sich in den tiefen Schnee gebohrt, höchsten einen halben Meter von dem Baum entfernt, auf den sie zugesteuert war. Sie bewegte Beine, Arme, Kopf. Kein Blut, alles intakt. Vor Erleichterung schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie realisierte, was ihr gar nicht so bewusst gewesen war: Sie lebte und sie lebte verdammt gern. Langsam beruhigte sich ihr pochender Herzschlag wieder. 

Dennoch war die Lage, in der sie sich nun befand, alles andere als komfortabel. Sie steckte fest. Schneemassen kesselten sie ein. Die beiden vorderen Türen waren nicht zu öffnen. Mühsam kletterte sie auf die Rückbank. Das Auto neigte nach zurück und sackte tiefer in den Schnee. Nun waren auch die hinteren Türen blockiert. Mit zitternden Fingern zog sie ihr Handy aus der Tasche, wählte die Nummer der Pannenhilfe und erklärte ihre Situation.

„Hier ist grad die Hölle los. Wenn sie nicht in einer lebensbedrohlichen Lage stecken, werden Sie sich gedulden müssen“, erwiderte die Frau am anderen Ende der Leitung. „Im Notfall müssen Sie sich an die Marshalls wenden.“

Sie überlegte, ob sie ihre Eltern bitten sollte, sie abzuholen. Doch nein. Ihre Mutter war mitten in hektischen Weihnachtsvorbereitungen und war ohnehin nicht allzu gut auf ihre Tochter zu sprechen. Außerdem hatte Kate Tee in ihrer Thermoskanne und eine Decke auf der Rückbank. Momentan war es warm genug. Kritisch würde es erst werden, wenn zum Abend die Temperaturen sanken. Bis dahin aber sollte sich der Abschleppwagen bis zu ihr durchgekämpft haben. 

Also beschloss sie, sich in Geduld zu üben. Sie machte sie es sich bequem und nahm ihre Unisachen heraus. Sie konnte die Zeit ebenso gut nutzen, um mit ihrem Essay voranzukommen. Während ihres Heimatbesuches würden die Sachen oft genug liegen bleiben.

Auch deshalb war sie eigentlich fest entschlossen gewesen, den Überredungskünsten ihrer Mutter zu trotzen und dieses Jahr auf Weihnachten im trauten Kreis der Familie zu verzichten. Abgesehen davon, dass es eine gewisse Person gab, der sie auf gar keinen Fall begegnen wollte, war ihr Studium gerade in einer heißen Phase. Über die Feiertage sollten die Studenten aus Professor Barnswicks Literaturklasse einen Essay über das romantische Werk von Lord Byron verfassen. Der beste davon hatte die Chance in der führenden amerikanischen Literaturzeitschrift abgedruckt zu werden. Das war Ehre und Zukunftschance für alle gleichermaßen. Die strebsamen unter ihren Kommilitonen hatten ihre Familie bereits informiert, dass sie über Weihnachten nur bedingt ansprechbar sein würden. 

Daher hatte Kate geplant, über die Feiertage im Studentenwohnheim zu bleiben, auch wenn es ihr schwergefallen wäre, auf die schönste Zeit des Jahres in ihrer Heimatstadt zu verzichten. Um Weihnachten herum spielte die beschauliche Kleinstadt Jahr für Jahr verrückt. Die Bewohner überboten sich mit Weihnachtsschmuck, Wettbacken und Aufführungen. Außerdem war der Lichtergottesdienst um Mitternacht die wohl stimmungsvollste Art, den ersten Weihnachtstag einzuläuten. Dennoch war es für alle das Beste, wenn sie in diesem Jahr dem ganzen Trubel fernbliebe. Das hatte sie sich immerhin eingeredet. Doch dann hatte ihre Mutter volle Geschütze aufgefahren. 

„Granny geht es nicht gut. Vermutlich wird es ihr letztes Weihnachtsfest sein. Willst du das verpassen?“, hatte sie gefragt. Und nein, das letzte Fest mit ihrer geliebten Granny wollte Kate in der Tat nicht verpassen. Das würde sie sich auf keinen Fall verzeihen. 

Doch wenn sie daran dachte, wem sie spätestens beim Weihnachtsgottesdienst unweigerlich über den Weg laufen würde, krampfte sich ihr Magen in einem unguten Gefühl zusammen. Vor allem Granny durfte niemals erfahren, was ihre Kate getan hatte. Die war noch von der alten Schule und mit ganz anderen Moralvorstellungen aufgewachsen. Sie würde vermutlich sofort die Augen zum Himmel verdrehen und die Atmung einstellen, nicht bevor sie die Seele ihrer Enkelin auf ewig verflucht hatte.

Drake. Gutaussehend, weltgewandt und unglaublich klug. Als würde ein unsichtbares Band sie immer wieder zusammenführen, waren sie sich im vergangenen Frühjahr ständig über den Weg gelaufen. Nun, wo sie ihn besser kannte, war sie sich allerdings sicher, dass er es bewusst darauf angelegt hatte, dass sie sich trafen. Doch damals war sie wie verzaubert gewesen.

Als ihr aufging, dass er sie plötzlich wie eine Frau betrachtete, dass sein intensiver Blick alles andere als bloß freundschaftlich war, hatte sie nächtelang wach gelegen und davon geträumt, wie es wäre, ihn zu küssen. Seine Hände auf ihrem Körper zu spüren. Das erste Mal in Leben hatte sie sich nach dem verzehrt, was Milly Mansfield bereits im zarten Alter von dreizehn auf dem Rücksitz von Kenneth Schilling, dem Quarterback der Schulmannschaft, erlebt hatte.

Auch sie hatte begonnen, die Begegnungen zu provozieren und das Verbotene herbeizusehnen. Bis er sie schließlich in seiner kleinen Hütte oben in den Bergen nach allen Regeln der Kunst verführt hatte. Eine leichte Hitze stieg in ihr auf, als sie daran dachte, wie seine kundigen Hände sie zur Frau gemacht hatten. Viel zu lange war es her, dass sie einem Mann so nah gewesen war. 

Dabei war sie im Grunde ihres Herzens froh über den räumlichen Abstand zwischen ihnen, den ihr Studienbeginn mit sich gebracht hatte. Die Verzauberung hatte sich ein Stück weit gelegt. In letzter Zeit war sie ihm sogar ausgewichen, wenn er versucht hatte, sie in Yale zu besuchen. Hatte kaum noch auf seine Geschenke reagiert und Stress im Studium vorgeschoben.

 Wenn sie ihm jetzt begegnete, wäre sie gezwungen Farbe zu bekennen und ihm zu sagen, dass sie ihn nicht mehr treffen wollte. Sie hoffte zumindest, dass sie das schaffen würde, denn er konnte überaus überzeugend sein, wenn er etwas wollte, und ihr verräterischer Körper war in der Lage, ihren Verstand auszuhebeln. 

Nicht auszudenken, was geschehen könnte, wenn die Affäre herauskäme. Gerade jetzt, zu Weihnachten. Sie fürchtete, dass er sich über die Gefahr, entlarvt zu werden, hinwegsetzen würde. Er war ein Mann, der bekam, was er wollte, und sie nahm an, dass das immer noch sie war. 

Das Beste wäre, wenn sie einen festen Freund dabei hätte. Sie würde den ganzen Abend verliebt an seinem Arm hängen und niemand könnte auf die Idee kommen, dass es eine Verbindung zwischen ihr und Drake gab. Sie hatte nämlich einen schwerwiegenden Fehler gemacht und ihrer Schwester anvertraut, dass sie einen älteren Freund hatte. Nicht auszudenken, wenn diese zwei und zwei zusammenzählte.

Bevor sie sich komplett im Trübsal verlor, verbannte sie jeden Gedanken an Drake und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Das war schon immer ihre Strategie gewesen, um mit unwillkommenen Gefühlen klarzukommen. 

Zu ihrer Freude flossen ihr die Worte nur so aus den Fingern. Eine Wartezeit, in der man ablenkungsfrei an etwas arbeiten konnte, war eben manchmal auch ein Geschenk. Sie vergaß die Welt um sich herum und fokussierte sich auf die leidenschaftlichen Worte des Dichters. 

Sie wusste nicht, wie lange sie schon mit dem Notizbuch auf den Knien dasaß, als es plötzlich an der Scheibe klopfte. Beinahe erschrak sie zu Tode, denn sie hatte nicht einmal gehört, dass sich ein Auto genähert hatte. Hellblaue Augen unter einer grauen Wollmütze blickten sie fragend an. Sie kurbelte die Scheibe runter. 

Der Mann beugte sich vor und scannte die Lage. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ja, vielen Dank! Jetzt habe ich mich nur ein bisschen erschreckt!“

Ganz geheuer war ihr der Mann nicht. Mit dem Piercing und der Tätowierung, die sich bis zu seinem rechten Ohr hochzog, hätte er auch zu einer Rockergang gehören können.

„Das tut mir leid.“ Er deutete auf ihr Notizbuch. „Ist das Ihre übliche Arbeitsumgebung?“

Sie lachte zaghaft. „Nicht unbedingt. Aber die Pannenhilfe hat angekündigt, dass es dauern wird.“

„Bei dem Wetter? Da hätten Sie ja erfrieren können“, meinte er stirnrunzelnd.

„Sie sagten, dass ich im Notfall den Marshall rufen soll.“

Er betrachtete den Wagen und schien zu der Erkenntnis zu kommen, dass da nichts zu machen war. „Hat ordentlich geschneit. Soll ich Sie mit in die nächste Stadt nehmen? Da können Sie dann im Warmen auf den Abschleppwagen warten.“

Sie sah zu seinem Auto hinüber. Ein kostspieliger SUV stand da. Immerhin kein Motorrad. Doch konnte sie unbesorgt einsteigen? Ihr Vater hatte ihr immer eingebläut, niemals per Anhalter zu fahren und immer ein Taxi zu nehmen. Schließlich siegte ihre persönliche Bequemlichkeit. Mittlerweile fror sie erbärmlich. „Das wäre toll“, sagte sie.

Er grinste spöttisch. Offenbar hatte er gemerkt, wie sie ihn gemustert hatte. „Da bin ich aber froh, dass Sie mich doch für vertrauenswürdig genug halten!“

Galant hielt er ihr die Hand hin und half ihr, durch die Scheibe hinauszuklettern. Augenblicklich versank sie beinahe bis zu den Knien in einer Schneewehe. Er lachte. Verwundert schaute sie zu um auf. Hoch ragte er über ihr auf. Sie selbst war keine Riesin, aber er wirkte nun, als wäre er mindesten zwei Meter zwanzig. Er streckte ihr beide Hände hin und zog sie zu sich hinüber. Obwohl er keine Handschuhe trug, waren seine Finger warm und fühlten sich erstaunlich kräftig an. Als sie direkt neben ihm stand, hatte sich der Größenunterschied relativiert.

„Ich habe nicht gemerkt, dass es hier einen Graben gab“, sagte sie mit einem verlegenen Lachen. 

„Der hat Sie wahrscheinlich vor größerem Schaden gerettet.“ Er deutete auf die Kiefer.

„Oh ja!“ Ihr schauderte schon bei dem Gedanken daran. Durch den vielen Schnee hatte sie gar nicht sehen können, dass sich ihr Auto mit der Nase nach vorn in ein ausgetrocknetes Flussbett abgesenkt hatte. „Ich bin Kate!“ Sie streckte ihm die Hand hin.

 Er ergriff sie. „Jordan.“. 

Ihr entging nicht das leichte Zögern vorher und sie fragte sich misstrauisch, ob er ihr seinen wahren Namen genannt hatte. Doch was für einen Grund konnte er schon haben, sie anzulügen.

Mittlerweile hatte der Schneefall sich gelegt. Ein einzelner zarter Sonnenstrahl streckte die Nase durch die Wolke, brachte die weiße Pracht zum Glitzern und verwandelte die Hügel von Vermont in eine verwunschene Schneelandschaft. Warm und gemütlich war es im Auto ihres Pannenhelfers. Sie lehnte sich in dem bequemen Autositz zurück und dachte daran, mit wie wenig man im Leben manchmal schon zufrieden sein konnte. Sich aufzuwärmen, wenn man durchgefroren war, gehörte definitiv dazu. Außerdem vielleicht ein warmer Kakao, wie ihn die Mutter des Nachbarsjungen immer gemacht hatte. Flynn und sie waren zu der Zeit unzertrennlich gewesen. Sie hatten sich sogar geschworen, zu heiraten, wenn sie groß waren. 

Nun war er wieder da, der Knoten in ihrem Magen. Jetzt hatte sie doch tatsächlich ein paar selige Minuten nicht an ihren Jugendfreund, an seine Familie und ihre eigenen überbordenden Schuldgefühle gedacht. Wenn man bedachte, dass sie damals bei ihnen ein und ausgegangen war, dass die Benjamins so etwas wie ihre zweite Familie gewesen waren, wog das, was sie getan hatte, doppelt so schwer. Sie bemerkte, wie ihr Fahrer sie von der Seite musterte.

„Jetzt würde ich gern deine Gedanken lesen“, sagte er. „Erst hast du selig gelächelt und dann hat sich so ein sorgenvoller Ausdruck in dein Gesicht gefressen, dass ich hoffe, nicht der Auslöser dessen zu sein. Du musst keine Angst haben. Ich bin kein Frauenmörder, der in den Hügel hier Ausschau nach Verkehrsopfern ist, um ihnen in einer einsamen Berghütte bestialisch den Garaus zu machen.“ Er entblößte zwei Reihen strahlend weißer Zähne. Kate zwang sich, ebenfalls zu lächeln.

„Es hat nichts mit dir zu tun. Es ist … meine Familie kann ein bisschen kompliziert sein.“

„Verstehe.“ Er dachte kurz nach, entschied sich dann offenbar, dem nichts weiter hinzuzufügen. „Wo musst du denn hin? Eventuell kann ich dich ja noch etwas weiter mitnehmen.“

„Das wäre toll. Ich will mir gar nicht ausmalen, was für eine Standpauke mir meine Mutter wegen der Verspätung halten wird. Sie ist Lehrerin und ein absoluter Pünktlichkeitsfanatiker. Ich muss nach Dawsonhills. Kennst du das vielleicht?“

Ein unergründlicher Gesichtsausdruck huschte über sein Gesicht. „Das ist ja ein merkwürdiger Zufall. Tatsächlich muss ich auch in die Richtung“, entgegnete er.

Neugierig sah sie ihn an. Ihre Heimatstadt war so klein, und er schien in einem ähnlichen Alter zu sein, wie sie. Wenn er ebenfalls dort aufgewachsen wäre, müsste sie ihn eigentlich kennen. Vielleicht war er zum Skifahren verabredet? Sie war sich jedenfalls sicher, ihn dort noch nie gesehen zu haben. Auch wenn er sein Gesicht mit den hellen Augen und dem energischen Kinn beim näheren Betrachten irgendwie bekannt vorkam. „Wieso willst du denn nach Dawsonhills?“, erkundigte sie sich. 

Er presste die Lippen aufeinander und seine Miene verschloss sich. „Ich habe gehört, dass es ein netter Fleckchen Erde sein soll.“ 

Wollte er damit sagen, dass er ganz allein die Weihnachtstage dort verbringen wollte?

„Wo wirst du denn wohnen?“, fragte sie. 

„Gar nicht neugierig, oder was?“; entgegnete er unwirsch. 

„Entschuldige, dass ich frage!“, erwiderte sie spitz. Im Grunde genommen war ihr dieser Typ mit dem protzigen SUV, der auch einem Zuhälter oder Drogenboss hätte gehören können, herzlich egal. Hauptsache, sie kam heute noch zuhause an. 

Beide fuhren schweigend weiter. Jordan drehte das Radio lauter, in dem einer dieser kitschigen Weihnachtssongs zu hören war. 

„Ich brauchte ein wenig Abstand von allem und habe einen Ort gesucht, an dem ich mich fernab von meinem alltäglichen Stress über die Weihnachtstage ausruhen kann“, sagte er schließlich ein wenig freundlicher. 

Kate nickte. Städter kamen häufiger mal in die Hügel von Vermont, um Ruhe und Frieden vor der Hektik des Alltags zu finden. Deshalb waren die wenigen Pensionen in ihrem Ort über die Weihnachtstage immer voll ausgebucht. Dafür durften die Einheimischen über die merkwürdigen Attitüden der New Yorker staunen, die hier im Winterwunderland die Zeit zwischen den Jahren verbrachten. 

„Ich nehme an, dann wirst du bei Mrs. Gibbs einkehren?“

 Er warf einen Blick zu ihr hinüber. „Mrs. Gibbs?“, fragte er verwundert.

„Ja, sie hat die beste Pension in der Stadt. Oder hast du eine der Hütten in den Hügeln oben gemietet?“ 

Er lachte auf. „Nein. Ich wollte mich erst einmal umsehen und dann entscheiden, ob ich bleiben oder meinen Roadtrip fortsetzen möchte.“ 

Kate sah ihn großen Augen an. „Das ist nicht dein Ernst!“, bemerkte sie. 

„Wieso?“

„Nun ja, die wenigen Pensionen in der Stadt sind über die Weihnachtstage auf Jahre hinaus ausgebucht. Ich glaube nicht, dass du spontan eine Unterkunft finden wirst.“

Er pfiff leise durch die Zähne. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Gegend hier derart beliebt ist.“ 

„Dann weißt du wohl noch nicht, wie das perfekte Weihnachten hier in Vermont aussieht“, ereiferte sie sich. „Überall gibt es Pferdeschlitten. In den Straßen wetteifern die Häuser darum, wer die aufwändigste und schönste Dekoration aufgefahren hat. Weihnachtsmärkte und Basare locken mit ihren Leckereien. Wer einmal Weihnachten hier verbracht hat, der möchte nie wieder irgendwo anders feiern.“

„Du klingst wie eine lebendige Werbebroschüre“, grinste er. „Dann gibt es also nichts, was dich davon abhalten könnte, dein Weihnachtsfest hier zu verbringen. Außer einem kleinen Schneeunfall natürlich.“

Da hatte er recht. Unter normalen Umständen hätte sie wirklich nichts davon abhalten können.

„Du wirst lachen“, entgegnete sie ehrlich, „genau in diesem Jahr hatte ich tatsächlich etwas anderes vor. Es hätte mein erstes Weihnachten in Yale sein sollen. Und ich war schon traurig, dass mir auf diese Art und Weise die Weihnachtsstimmung entgehen würde.“

Interessiert blickte er sie an. „Und was hat deine Meinung geändert?“

„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete Kate ausweichend. „Wo kommst du denn eigentlich her?“, erkundigte sie sich, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. 

Er winkte ab. „Süße, ich bin gar nicht so heiß auf Small Talk. Wenn du darüber nicht reden möchtest, ist das kein Problem.“

Er drehte die Musik wieder lauter und richtetet den Blick konzentriert auf die Straße. Ihre Unterhaltung sah er offenbar als beendet an. Kate konnte es kaum fassen, dass er derart unhöflich war. Demonstrativ zog sie ihre Unterlagen heraus und begann, sich Notizen zu machen.

Plötzlich gab ihr Handy einen aufdringlichen Ton von sich, mit dem es freudig ankündigte, dass eine Nachricht eingetroffen war. Kate schaute auf das Display und erbleichte. 

„Habe zufällig erfahren, dass du Weihnachten doch kommst. Vermutlich wolltest du mich überraschen. Eigentlich solltest du aber doch wissen, dass ich nicht auf Überraschungen stehe. Freue mich trotzdem, dich zu sehen. Ich bin mir sicher, dass wir einen Weg finden werden. D.“ 

Verdammt. Wer hatte ihm erzählt, dass sie doch über Weihnachten käme? Sie hatte ihm bereits vor zwei Wochen geschrieben, dass sie in Yale bliebe und dass es ihr nicht ausmachte, die Feiertage dort zu verbringen. Das konnten nur ihre Eltern gewesen sein. Hoffentlich hatten sie ihn nicht zu ihrer Weihnachtsparty eingeladen. Sie merkte, wie ihr der Schweiß ausbrach, bei dem Gedanken daran, wie sie ihm unter den Augen ihrer gesamten Familie begegnen würde. Ein wahrer Albtraum.

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In letzter Minute

Habt ihr schon alle Weihnachtsgeschenke oder macht ihr es wie meine Protagonistin Amira, die mal wieder auf den letzten Drücker unterwegs ist? Kann ganz schön stressig werden …

Entschlossen schob Amira ihren Fuß in den Eingang, so dass der hagere Verkäufer daran gehindert wurde, die Tür zum einzigen Ort, an dem sie ein Weihnachtsgeschenk für ihre überaus anspruchsvolle Großmutter bekommen würde, vorzeitig zu schließen.

Weihnachtsgeschenke auf den letzten Drücker? Stressig!!!

„Wir haben geschlossen!“, konstatierte dieser mit französischem Akzent, der ihn im Zusammenhang mit der nach oben gereckten Nase sehr hochnäsig erscheinen ließ.

„Es ist fünf Minuten vor eins. Sie schließen erst um ein Uhr, folglich haben Sie geöffnet“, bemerkte sie erbost und deutete auf die Anzeige in ihrem Handy.

„Es ist ein Uhr und wir haben geschlossen“, beharrte der Mann und versuchte nunmehr, gewaltsam die Tür zu schließen.

„Ich brauche unbedingt noch zwei silberne Behring-Zuckerlöffel.“

Sie verlegte sich aufs Betteln und sah den Mann flehend an.

„Wenn man so etwas unbedingt braucht, kann man durchaus auch etwas früher kommen!“

Der Mann verschränkte tadelnd die Arme vor der Brust.

Kann man. Hatte sie aber einfach nicht geschafft. An dem einzigen Tag, an dem sie in diesem Jahr Weihnachtsgeschenke hatte kaufen können, hatte sie bereits um Viertel vor zehn vor dem großen Kaufhaus zwei Straßen weiter gewartet, um jede Minute der knappen Zeit, die die Geschäfte am Heiligabend geöffnet hatten, auszunutzen.

Doch die Ladenzeilen waren so stark gefüllt gewesen, dass allein der Weg von einem Geschäft ins andere eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Geschweige denn die Schlangen an der Kasse. Mussten denn alle Menschen ihre Einkäufe auf den letzten Drücker machen? Es steckten doch nicht alle grad in einer Theaterproduktion, die einem kaum Luft zum Atmen ließ. Sie konnte schon froh sein, dass der ehrgeizige Regisseur sie nicht noch am 24. Dezember zum Proben antanzen ließ. Die Anfrage, ob vielleicht zwischen den Jahren auf Proben verzichtet werden könnte, hatte er empört abgewiesen.

Sie sah auf die Uhr. „Bitte. Ich schenke jedes Jahr meiner Großmutter einen silbernen Behring-Löffel und ich habe es schon letztes Jahr einfach nicht geschafft. Sie sind das einzige Geschäft in Oldenburg, dass diese Löffel noch führt.“

Sie legte flehend die Hände zusammen. „Wer weiß, ob meine Großmutter das nächste Weihnachtsfest überhaupt noch erleben wird!“, sagte sie dramatisch.

Leicht angeekelt sah er sie an und sie kapierte schlagartig, dass er immun gegen weibliche Tränen war.

„Was denken Sie, geht mich Ihre Großmutter an? Interessiert es Sie etwa, dass mein armer Hund wegen Ihnen länger auf seinen Auslauf warten muss? Wieso muss ich mir Ihre Geschichten anhören?“

„Ich zahle Ihnen den doppelten Preis, dann können Sie ihrem Hund ein tolles Leckerli mitbringen!“

„Wollen Sie mich jetzt total verarschen? Das ist nicht mein Geschäft, von einem doppelten Preis hat ja wohl nur mein Chef etwas.“

„Muss doch keiner etwas davon mitkriegen“, versuchte sie es nochmal.

Ein entschlossener Ausdruck erschien im Gesicht ihres Gegenübers und ehe sie es sich versah, trat er ihr so tüchtig auf den Fuß, dass sie ihn automatisch wegzog. Triumphierend schloss er die Tür, und zeigte ihr von drinnen einen Vogel.

Hektisch überlegte sie, wo sie jetzt ein alternatives Geschenk bekommen konnte. Doch in den Geschäften in der Straße gingen bereits die Lichter aus. Sie verwarf den Gedanken, etwas an der Tankstelle zu besorgen, postwendend wieder, überlegte dann, ob es in ihrer Wohnung irgendetwas geben konnte, dass sich als Geschenk umfunktionieren ließ – nein. Sie hatte im vergangenen Jahr die winzige Wohnung akribisch ausgemistet und alles weggegeben, was sie nicht dringend brauchte.

Sie drehte sich um und stieß frontal mit einem großgewachsenen Mann zusammen, der einen Stapel Geschenke mit sich trug. Die beiden oberen machten sie selbständig und segelten zu Boden, in eine große Pfütze. Hastig hob Amira sie auf.

„Tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen!“, sagte sie und stapelte die beiden triefenden Pakete wieder auf den Armen ihres Gegenübers.

Ihr fiel auf, dass sie einen ziemlich gutaussehenden Mann vor sich hatte, großgewachsen, mit einem markanten Kinn und leuchtenden blauen Augen.

„Schon gut“, sagte der Mann und betrachtete das Desaster. „Da werde ich mich wohl doch noch mal selbst ans Verpacken machen müssen. Ärgerlich, aber keine Katastrophe.“

Er lächelte und zwei sympathische Grübchen zeigten sich auf seinen Wangen.

„Da bin ich ja erleichtert“, erwiderte Amira und wollte weitergehen.

Doch der Mann hielt sie zurück. „Haben Sie gerade vor verschlossener Tür gestanden?“, fragte er neugierig.

Amira nickte. „Ja, leider, dabei war ich eigentlich drei Minuten vor Ladenschluss da. Aber auch die Verkäufer wollen vermutlich Heim zu ihren lieben.“

„Was wollten Sie denn kaufen?“, erkundigte der Mann sich.

„Meine Oma sammelt eine bestimmte Sorte silberner Löffeln, die ich in keinem anderen Geschäft gefunden habe. Hier liegen sie im Schaufenster, aber ich bekomme sie trotzdem nicht, weil ich einfach zu spät dran war.“

Er grinste.

„Das kenne ich. Ich bin auch immer zu spät dran. Meine Schwester wird mit mir schimpfen, wenn ich ihr nicht bald die Geschenke liefere, die ich ihr versprochen habe.“

„Für ihre Schwester? Ich dachte, der Berg hier wäre vielleicht für Ihre Kinder.“

Er winkte ab. „Nein, die habe ich leider noch nicht. Und Sie?“

Nun sah er sie neugierig an und Amira fiel auf, wie sehr es sie freute, dass er nicht für seine eigenen Kinder einkaufte.

„Oh nein. Momentan bin ich mit meinem Job verheiratet. Da kann ich nicht noch mehr Aufgaben gebrauchen.“

„Eine kann ich Ihnen abnehmen“, lächelte er. „Wenn sie mal kurz halten würden.“

Er drückte ihr den sperrigen Berg Pakete in die Arme. Dann zog er einen Schlüsselbund aus der Tasche und beugte sich vor, um die Tür vor sich aufzuschließen.

Amira sah überrascht zu.

„Haben Sie für alle Läden in der Stadt einen geheimen Schlüssel? Das könnte wirklich nützlich sein.“

„Nur für meinen eigenen. Falls Sie also noch eine exklusive Beratung bezüglich der Teelöffel wünschen, stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung.“

Er deutete eine Verbeugung an und nahm ihr die Pakete wieder ab.

„Das mit der Verfügung klingt toll“, entgegnete Amira und trat ein. Manchmal jagte man das eine und bekam das andere, dachte sie bei sich und lächelte.

Dies ist ein Beitrag des wunderbaren Autorenadventskalenders, bei dem ich auch in diesem Jahr wieder dabei sein kann! Lest euch auch gern die anderen Geschichten durch, es gibt ein paar tolle Schätze zu entdecken!!!

Foto: Pixabay

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