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Schlagwort: romantische Komödie

In letzter Minute

Habt ihr schon alle Weihnachtsgeschenke oder macht ihr es wie meine Protagonistin Amira, die mal wieder auf den letzten Drücker unterwegs ist? Kann ganz schön stressig werden …

Entschlossen schob Amira ihren Fuß in den Eingang, so dass der hagere Verkäufer daran gehindert wurde, die Tür zum einzigen Ort, an dem sie ein Weihnachtsgeschenk für ihre überaus anspruchsvolle Großmutter bekommen würde, vorzeitig zu schließen.

Weihnachtsgeschenke auf den letzten Drücker? Stressig!!!

„Wir haben geschlossen!“, konstatierte dieser mit französischem Akzent, der ihn im Zusammenhang mit der nach oben gereckten Nase sehr hochnäsig erscheinen ließ.

„Es ist fünf Minuten vor eins. Sie schließen erst um ein Uhr, folglich haben Sie geöffnet“, bemerkte sie erbost und deutete auf die Anzeige in ihrem Handy.

„Es ist ein Uhr und wir haben geschlossen“, beharrte der Mann und versuchte nunmehr, gewaltsam die Tür zu schließen.

„Ich brauche unbedingt noch zwei silberne Behring-Zuckerlöffel.“

Sie verlegte sich aufs Betteln und sah den Mann flehend an.

„Wenn man so etwas unbedingt braucht, kann man durchaus auch etwas früher kommen!“

Der Mann verschränkte tadelnd die Arme vor der Brust.

Kann man. Hatte sie aber einfach nicht geschafft. An dem einzigen Tag, an dem sie in diesem Jahr Weihnachtsgeschenke hatte kaufen können, hatte sie bereits um Viertel vor zehn vor dem großen Kaufhaus zwei Straßen weiter gewartet, um jede Minute der knappen Zeit, die die Geschäfte am Heiligabend geöffnet hatten, auszunutzen.

Doch die Ladenzeilen waren so stark gefüllt gewesen, dass allein der Weg von einem Geschäft ins andere eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Geschweige denn die Schlangen an der Kasse. Mussten denn alle Menschen ihre Einkäufe auf den letzten Drücker machen? Es steckten doch nicht alle grad in einer Theaterproduktion, die einem kaum Luft zum Atmen ließ. Sie konnte schon froh sein, dass der ehrgeizige Regisseur sie nicht noch am 24. Dezember zum Proben antanzen ließ. Die Anfrage, ob vielleicht zwischen den Jahren auf Proben verzichtet werden könnte, hatte er empört abgewiesen.

Sie sah auf die Uhr. „Bitte. Ich schenke jedes Jahr meiner Großmutter einen silbernen Behring-Löffel und ich habe es schon letztes Jahr einfach nicht geschafft. Sie sind das einzige Geschäft in Oldenburg, dass diese Löffel noch führt.“

Sie legte flehend die Hände zusammen. „Wer weiß, ob meine Großmutter das nächste Weihnachtsfest überhaupt noch erleben wird!“, sagte sie dramatisch.

Leicht angeekelt sah er sie an und sie kapierte schlagartig, dass er immun gegen weibliche Tränen war.

„Was denken Sie, geht mich Ihre Großmutter an? Interessiert es Sie etwa, dass mein armer Hund wegen Ihnen länger auf seinen Auslauf warten muss? Wieso muss ich mir Ihre Geschichten anhören?“

„Ich zahle Ihnen den doppelten Preis, dann können Sie ihrem Hund ein tolles Leckerli mitbringen!“

„Wollen Sie mich jetzt total verarschen? Das ist nicht mein Geschäft, von einem doppelten Preis hat ja wohl nur mein Chef etwas.“

„Muss doch keiner etwas davon mitkriegen“, versuchte sie es nochmal.

Ein entschlossener Ausdruck erschien im Gesicht ihres Gegenübers und ehe sie es sich versah, trat er ihr so tüchtig auf den Fuß, dass sie ihn automatisch wegzog. Triumphierend schloss er die Tür, und zeigte ihr von drinnen einen Vogel.

Hektisch überlegte sie, wo sie jetzt ein alternatives Geschenk bekommen konnte. Doch in den Geschäften in der Straße gingen bereits die Lichter aus. Sie verwarf den Gedanken, etwas an der Tankstelle zu besorgen, postwendend wieder, überlegte dann, ob es in ihrer Wohnung irgendetwas geben konnte, dass sich als Geschenk umfunktionieren ließ – nein. Sie hatte im vergangenen Jahr die winzige Wohnung akribisch ausgemistet und alles weggegeben, was sie nicht dringend brauchte.

Sie drehte sich um und stieß frontal mit einem großgewachsenen Mann zusammen, der einen Stapel Geschenke mit sich trug. Die beiden oberen machten sie selbständig und segelten zu Boden, in eine große Pfütze. Hastig hob Amira sie auf.

„Tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen!“, sagte sie und stapelte die beiden triefenden Pakete wieder auf den Armen ihres Gegenübers.

Ihr fiel auf, dass sie einen ziemlich gutaussehenden Mann vor sich hatte, großgewachsen, mit einem markanten Kinn und leuchtenden blauen Augen.

„Schon gut“, sagte der Mann und betrachtete das Desaster. „Da werde ich mich wohl doch noch mal selbst ans Verpacken machen müssen. Ärgerlich, aber keine Katastrophe.“

Er lächelte und zwei sympathische Grübchen zeigten sich auf seinen Wangen.

„Da bin ich ja erleichtert“, erwiderte Amira und wollte weitergehen.

Doch der Mann hielt sie zurück. „Haben Sie gerade vor verschlossener Tür gestanden?“, fragte er neugierig.

Amira nickte. „Ja, leider, dabei war ich eigentlich drei Minuten vor Ladenschluss da. Aber auch die Verkäufer wollen vermutlich Heim zu ihren lieben.“

„Was wollten Sie denn kaufen?“, erkundigte der Mann sich.

„Meine Oma sammelt eine bestimmte Sorte silberner Löffeln, die ich in keinem anderen Geschäft gefunden habe. Hier liegen sie im Schaufenster, aber ich bekomme sie trotzdem nicht, weil ich einfach zu spät dran war.“

Er grinste.

„Das kenne ich. Ich bin auch immer zu spät dran. Meine Schwester wird mit mir schimpfen, wenn ich ihr nicht bald die Geschenke liefere, die ich ihr versprochen habe.“

„Für ihre Schwester? Ich dachte, der Berg hier wäre vielleicht für Ihre Kinder.“

Er winkte ab. „Nein, die habe ich leider noch nicht. Und Sie?“

Nun sah er sie neugierig an und Amira fiel auf, wie sehr es sie freute, dass er nicht für seine eigenen Kinder einkaufte.

„Oh nein. Momentan bin ich mit meinem Job verheiratet. Da kann ich nicht noch mehr Aufgaben gebrauchen.“

„Eine kann ich Ihnen abnehmen“, lächelte er. „Wenn sie mal kurz halten würden.“

Er drückte ihr den sperrigen Berg Pakete in die Arme. Dann zog er einen Schlüsselbund aus der Tasche und beugte sich vor, um die Tür vor sich aufzuschließen.

Amira sah überrascht zu.

„Haben Sie für alle Läden in der Stadt einen geheimen Schlüssel? Das könnte wirklich nützlich sein.“

„Nur für meinen eigenen. Falls Sie also noch eine exklusive Beratung bezüglich der Teelöffel wünschen, stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung.“

Er deutete eine Verbeugung an und nahm ihr die Pakete wieder ab.

„Das mit der Verfügung klingt toll“, entgegnete Amira und trat ein. Manchmal jagte man das eine und bekam das andere, dachte sie bei sich und lächelte.

Dies ist ein Beitrag des wunderbaren Autorenadventskalenders, bei dem ich auch in diesem Jahr wieder dabei sein kann! Lest euch auch gern die anderen Geschichten durch, es gibt ein paar tolle Schätze zu entdecken!!!

Foto: Pixabay

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Zwischenfall mit Osternest

Mit einem Berg Schulden und einer Menge geplatzter Träume im Gepäck ist Laura gezwungen, aus New York zurück in die Ostwestfälische Kleinstadt zu ziehen und bei ihrer großen Schwester unterzukriechen. Dumm nur, dass sie in den letzten drei Jahren quasi keinen Kontakt mehr gehabt haben …

Dies ist exklusiv für euch der Beginn meines nächsten Romans „Sommerwiesenduft“. Viel Spaß damit!

Schwarnberg, Ostwestfalen, Ostersamstag 2018

„Siebenzwanzig fuffzig!“, brummte der Taxifahrer und streckte ihr seine speckige Hand hin.

Laura reichte ihm dreißig Euro.

„Stimmt so“, sagte sie und das Geld verschwand in seinem Portemonnaie.

Sie stieg aus. Unwillkürlich zog sie den Kopf zwischen die Schultern. Hier war nichts davon zu spüren, dass es schon fast Sommer war. Eiskalt fühlte sich der Nieselregen über ihrem dünnen Kostüm an.

Der Fahrer öffnete den Kofferraum, in dem sich zwei gigantische Koffer und ein Kleidersack befanden. Laura wartete darauf, dass er die Gepäckstücke herausnahm und sie den schmalen Gehweg bis zur Eingangstür herauftrug, doch er machte dazu keine Anstalten.

„Könnten Sie mit bitte mit dem Gepäck helfen?“, fragte sie schließlich mit hochgezogenen Augenbrauen und ein wenig schärfer als gedacht.

„Ne, ich hab Bandscheibe. Sie machen das schon.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust.

So etwas hatte Laura in den letzten drei Jahren nicht erlebt. In New York wäre dieses Verhalten undenkbar gewesen. Aber in Schwarnberg, der provinziellen Kleinstadt am Rande des Teutoburger Waldes, war selbstverständlich alles anders.

Weil sie nicht noch länger im Regen stehen wollte, begann sie unter dem genervten Blick des Taxifahrers, ihr Gepäck aus dem Auto zu zerren. Sie hatte das Gefühl, Ziegelsteine eingepackt zu haben, so schwer waren die Koffer, die die Überreste eines ganzen Lebens enthielten.

Sie fluchte leise, als sie sich beim letzten einen ihrer sorgfältig manikürten Fingernägel abbrach.

Der Fahrer düste ab. Verloren blieb sie am Straßenrand stehen und sah ihm nach, bis er verschwunden war. Sie sehnte sich danach, immer noch im Taxi zu sitzen und wieder in die weite Welt fahren zu können. Doch nun war sie hier. Wieder. Und erstmal würde sie bleiben müssen, in ihrer Heimatstadt, die ihr vertraut und doch unendlich fremd war.

Drei Jahre war es her, dass ein Prinz auf einem weißen Pferd in Form von Mark Turner II sie aus dieser Provinz gerettet hatte. Sie war so froh gewesen, ein anderes Leben zu führen, dass sie Schwarnberg keine Träne nachgeweint hatte. In der ganzen Zeit war sie nicht ein einziges Mal zurückgekehrt. Die Anrufe ihrer Schwester hatte sie höchstens sporadisch erwidert. Wie dumm nur, dass diese Schwester nun ihre letzte Rettung war.

Zögernd wandte sie sich wieder dem Haus zu, das ungerührt von den Geschehnissen der vergangenen Jahre immer noch auf demselben kleinen Hügel thronte wie damals, als ihre Eltern noch gelebt hatten.

Das Eigenheim der Meisters gegenüber, von denen ihre Mutter im Spätsommer immer Kübel voller reifer Pflaumen bekommen hatte, war drei eng aneinandergeklebten Reihenhäusern gewichen, mit handtuchbreiten, aber akkurat geschnittenen Rasenflächen vor den identischen Eingängen. Laura fragte sich, ob es bereits bewohnt war, denn kein Licht erhellte die moderne Fensterfront. Waren etwa alle Besucher über Ostern verreist?

Aus dem Haus, in dem nun Lauras Schwester Susanne mit Mann und Kind wohnte, drang plötzlich lautes Stimmengewirr. Unwillkürlich zuckte sie zurück. Hatte ihre Schwester ausgerechnet heute Gäste? Ihr Magen zog sich zusammen bei dem Gedanken, dass Susanne eine Willkommensparty organisiert haben könnte. Sie beschloss, erst einmal nachzuschauen, wer im Haus war.

Behutsam stellte sie ihr Gepäck auf den moosbesetzten Bodenplatten ab und schlich vorsichtig zum Küchenfenster hinüber, darauf bedacht, ihre nudefarbenen Ballerinas nicht schmutzig zu machen. Dort hatte sie als Kind oft einen Keksteller entgegengenommen, wenn sie vom Spielen im Garten hungrig geworden war.

Mit einem kleinen Lächeln entdeckte sie ein Osternest, dass sich zum Schutz vor Regen zwischen Fensterbank und dem alten Rhododendron versteckte. Genauso hatte ihre Mutter es früher auch gemacht.

Kurz vor dem Fenster duckte sie sich, um nicht gesehen zu werden, und kroch nah an die Hauswand, von der der Putz zu bröckeln begann. Sie umfasste das Fensterbrett und zog sich vorsichtig hoch, um durch die Scheibe zu lugen.

Genau in dem Moment lief plötzlich eine fette schwarze Spinne über ihre Hand, die Laura in ihrem Versteck aufgeschreckt haben musste. Sie unterdrückte einen Entsetzensschrei, taumelte zurück und konnte gerade noch verhindern, dass sie rücklings in den Matsch fiel. Dafür aber vernahm sie ein erst suppendes, dann knirschenden Geräusch und spürte, wie sie mit den Schuhen genau in das Osternest getreten war.

Eine braune Brühe ergoss sich über ihre Dreihundert-Dollar-Schuhe. Die buntglitzernden Eier mussten eine flüssige Füllung gehabt haben.

Einen Moment lang hielt sie inne, um zu lauschen, ob jemand ihr merkwürdiges Manöver entdeckt hatte. Wegen des ungemütlichen Wetters war die Straße glücklicherweise menschenleer.

Dann sah sie sich das Desaster an. Das Nest war ein Totalschaden. Eigentlich war es auch ziemlich unvorsichtig von ihrer Schwester, die kleinen Kostbarkeiten schon am Ostersamstag draußen im Regen zu platzieren. Schließlich konnten sich ja Tiere an den Süßigkeiten gütlich tun.

Mit spitzen Fingern hob Laura die matschige Masse hoch und ging zur Mülltonne hinüber, die immer noch unter dem Verschlag stand, den ihr Vater vor vermutlich dreißig Jahren gebaut hatte.

Laura rümpfte die Nase, als sie den Deckel anhob und ihr ein Geruch nach altem Fisch in die Nase stieg. Schnell ließ sie das Osternest hineinfallen und klappte den Deckel wieder zu.

Doch sie hatte sich erst ein paar Schritte wieder entfernt, als ihr aufging, dass sie den Beweis ihrer Missetat nicht gut genug versteckt hatte. Sie kehrte um und spähte mit angehaltenem Atem in die Mülltonne. Nicht gut. Jeder, der etwas hineinwarf, konnte das bunte Schokoladenpapier entdecken.

Sie schaute sich nach einem brauchbaren Werkzeug um. Schließlich nahm sie die verrostete Harke, die an der Regenrinne lehnte und stocherte mit ihr solange in der Mülltonne herum, bis nichts Verdächtiges mehr zu entdecken war.

Dann unterdrückte sie ein Würgen und pulte die schmierigen Zellophanreste, die sich in den Zinken der Harke verfangen hatten wieder ab.

Hoffentlich bekam sie jetzt nicht als Nächstes einen Ekelherpes.

Genau in dem Moment, als sie über den Rasen zur Eingangstür stakste, verwandelte sich der Nieselregen in eine Dusche. Das gab ihren sorgfältig gewellten Haaren den Rest. Strähnig klebten sie an ihrem Kopf und tropften über die Schultern ihres durchweichten Seidenkostüms.

Als sie wieder bei ihrem Gepäck war, betete sie, dass die Koffer das Wasser einigermaßen abhielten und zog eine Kleenexpackung aus der Seitentasche, um die Schokoladespuren auf ihren Schuhen zu entfernen. Doch auf diese Art schienen sich die braunen Flecken nur noch tiefer in das feine Leder zu fressen.

Sie gab es auf, ließ den Platzregen über sich ergehen und hatte das Gefühl, dass die Wolken die Tränen weinten, die sie immer noch nicht vergossen hatte.

Schlimmer konnte es nicht mehr werden, dachte sie, als sie zaghaft auf den Eingang zuging. Auf einmal öffnete sich vor ihr die Haustür und ein Mann mit Hipsterbart und einer merkwürdigen Wollmütze stürzte heraus, den Kragen seiner Cordjacke vorausschauend gegen den Regen hochgeklappt.

„Danke euch. Tut mr leid, dass ich so plötzlich weg muss“, rief er über die Schulter.

Da erst erblickte er sie und blieb wie angewurzelt stehen. Ungläubig riss er die Augen auf.

„Laura?“

Er schien auf ein Erkennen ihrerseits zu warten. Denn er verharrte einen Moment lang. Doch Laura hatte keine Ahnung, wer da vor ihr stand, obwohl sie hektisch ihr Personengedächtnis durchforstete.

Also sah die ihn nur fragend an. Er zuckte die Achseln und schwang sich auf das Fahrrad, das unangeschlossen am Zaun gelehnt hatte.

„Laura?“, erklang die Stimme ihrer Schwester in ihrem Rücken. „Was machst du denn schon hier? Wir haben dich doch erst am Montag erwartet!“

Ein bisschen müsst ihr euch noch gedulden, bis mein nächster Roman erscheint. Bis dahin schaut euch gern meine anderen Bücher an. Hier gibt es eine Leseprobe von „Wer den Frosch küsst“hier findet ihr eine zu „Puccini zum Frühstück“.

Mit ein bisschen Glück könnt ihr einen der Romane als Ebook gewinnen. Meldet euch einfach bei meinem Newsletter an und nehmt an der Osterverlosung teil!

Diese Erzählung ist Teil des Autoren-Adventskalenders, wo ihr jeden Tag eine neue, wunderbare Geschichte entdecken könnt. Schaut euch gern einmal die wunderbaren Beiträge meiner Kollegen und Kolleginnen an!

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Foto: Pixabay!

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Der ganz normale Wahnsinn…

Wer kennt das noch? Manche Tage sind einfach von vornherein verflucht. So auch bei meiner Protagonistin Cecilia, die bereits mit dem falschen Bein aufsteht. Doch das ist längst nicht alles, was das Schicksal für sie bereithält. Wenn ihr Lust auf eine romantische Aschenputteladaption mit einer alleinerziehenden Mutter in der Hauptrolle habt, dann seid ihr hier richtig. Aber lest selbst…

Mit nervtötend fröhlicher Melodie riss sie der unbarmherzige Wecker aus den Armen eines Märchenprinzen, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem jungen George Clooney hatte. Der prunkvolle, durch hunderte von Kerzen erleuchtete Ballsaal, in dem Cecilia Weiß eben noch dem Happy End entgegengetanzt hatte, war verschwunden. 

Stattdessen befand sie sich im Bett in ihrer aus allen Nähten platzenden Zweizimmerwohnung und neben ihr regte sich jemand. Die Augen halb geschlossen in der vagen Hoffnung, den Traum noch einmal wiederbeleben zu können, bemerkte sie die nackten Füße, die es sich auf ihrer Brust bequem gemacht hatten. Sie seufzte. Offenbar hatte Jakob heute Nacht mal wieder unbemerkt den Weg in ihr Bett gefunden. 

Versonnen betrachtete sie ihren friedlich träumenden Sohn. Seine blonden Locken fielen ihm schweißfeucht in die Stirn. Die Lippen hatte er leicht nach vorn geschoben, so als hätte er immer noch den Schnuller im Mund, den sie ihm vor zwei Jahren mühsam abgewöhnt hatte. Für einen Moment kuschelte sie sich an ihn. Mit gesenkten Lidern genoss sie seine Körperwärme und den ihm so eigenen Duft. Dann schlug Jakob die Augen auf. 

 »Aufstehen, Mama!« 

Müde sah sie ihn an. Wie machte er es bloß, dass er in einem Augenblick tief schlief und im nächsten bereits putzmunter war?

»Komm noch kurz kuscheln, mein Schatz!« Bittend streckte sie ihre Arme nach ihm aus. Doch er entwand sich ihr und zog stattdessen ihre Bettdecke weg. Sofort stellten sich die feinen Haare an ihrem Körper auf. Es war zwar erst Anfang Oktober, aber draußen schon klirrend kalt.

»Halt! Stopp! Das ist gemein!«, protestierte sie.

Jakob lachte nur und tanzte mit der Decke in der Hand um ihr Bett herum. 

»Na, warte!«

Sie sprang aus den Federn und schnappte sich ihren glücklich kreischenden Sohn, um ihn ordentlich durchzukitzeln. Dann verschwand sie in der Dusche. Als sie angezogen und mit einem um die nassen Haare gewickelten Handtuch in die Küche kam, hatte er bereits den schmalen Klapptisch mit ihren Müslischalen gedeckt. 

Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie sich besser beeilen sollten. Jakob hatte kaum den letzten Bissen in den Mund geschoben, als sie ihm die Schüssel wegschnappte und ihn zum Anziehen in sein Zimmer jagte. Sie selbst föhnte sich hastig die glatten haselnussbraunen Haare und band sie locker zusammen. 

Früher hatte sie mit ihren Rehaugen und der ebenmäßigen Haut als Schönheit gegolten. Heute wirkte sie zwar immer noch jünger als die fünfundzwanzig Jahre, die sie war, doch dunkle Schatten ließen ihre Augen hungrig aus dem schmalen Gesicht hervortreten. Manchmal dachte sie, dass sie wie eine Drogensüchtige aussah. 

Als sie kurze Zeit später in Jakobs Zimmer hinüberging, hatte er sich in den wilden Kampf zweier Playmobilritter vertieft. In solchen Augenblicken machte sie seine Verträumtheit wahnsinnig.

»Jakob, du hast ja noch deinen Schlafanzug an!« 

Wie immer ignorierte er sie geflissentlich, bis sie ungeduldig lauter wurde: »Jakob!«

»Moment!«, fauchte er zurück. »Ich bin beschäftigt.«

Sie versuchte, ruhig zu bleiben.

»Wir müssen jetzt wirklich dringend los. Sonst verpassen wir die U-Bahn.»«

»Warum?«, kam die ungläubige Frage. 

Da war schon wieder dieses »Warum?«, das sie regelmäßig auf die Palme brachte.

»Du weißt doch, dass ich auf keinen Fall zu spät kommen darf, sonst verliere ich meinen Job. Nun sei so gut und hilf mir!«

Sie hatte ein schlechtes Gewissen, als sie das sagte, denn jedes Mal, wenn sie ihm mit diesem Tonfall kam, schien er um zehn Jahre vernünftiger zu werden. 

»In Ordnung, Mama.«

Es machte sie traurig, dass sie ihm mit seinen erst fünf Jahren so viel abverlangen musste. Es war kein Zuckerschlecken, wenn man das Kind einer alleinerziehenden Kellnerin war. Sie nahm ihn fest in den Arm.

»Es tut mir leid, dass es momentan so schwierig ist. Bald wird es besser, ok?«

»Ok, Mama«, lächelte er und schaute sie mit einem vertrauensvollen Blick an, als gäbe es nichts, was er ihr nicht zutraute. Dabei war genau dies das Problem. Seit sie ihre Zukunft verloren hatte, traute sie sich selbst nichts mehr zu.

Siebzig Minuten später stand sie tatsächlich hinter der Theke des »Coffee Palace« und konnte es kaum fassen, dass sie es noch rechtzeitig geschafft hatte. Heute pünktlich zur Arbeit zu kommen, war ungefähr so wahrscheinlich gewesen wie eine Emmy-Nominierung für eine deutsche Serie und sie dankte innerlich noch einmal dem Fahrer des Tiefladers, der durch sein Wendemanöver auf offener Straße den Bus gezwungen hatte, auf Cecilia und Jakob zu warten. 

Tief durchatmend hob sie ihre Espressotasse an den Mund und genoss einen kurzen Moment der Ruhe, weil sich noch kein Kunde zu ihr verirrt hatte. Dann aber bog einer der neuen Hybridbusse um die Straßenecke und wie frisch geschlüpfte Spinnen aus ihrem Kokon ergoss sich eine nicht enden wollende Schar Pendler auf den Bürgersteig vor ihrer Eingangstür. 

Nur einen Augenblick später enterten sie das Café. Männer in Anzügen und Frauen in Stöckelschuhen warfen ihre Aktentasche förmlich voraus, um einen vorderen Platz in der Schlange zu ergattern. 

Im Akkord presste Cecilia den frisch gemahlenen Kaffee in den Hebel der Espressomaschine und eilte wie ein Derwisch hinter der Theke hin und her. Doch sie schaffte es nicht, die Ansammlung gestresster Großstädter wenigstens einmal so abzuarbeiten, dass nicht alle mit Leichenbittermiene herumstanden. 

»Geht es nicht ein bisschen schneller?«, fragte eine junge Mutter. Ihr Baby war derart wärmeisolierend in dem Designerkinderwagen verstaut, dass man außer einer sich wütend bewegenden Daunendecke nichts von ihm sah. Damit man seine Anwesenheit trotzdem bemerken konnte, schrie es wie am Spieß und die Augen der Mutter flackerten panisch zwischen der Kuchenauslage und dem Kind hin und her. 

Unglücklicherweise war sie erst die Vierte in der Schlange und niemand kam auf die Idee, sie vorzulassen. Cecilia, die es nie ausgehalten hatte, ihr eigenes Kind schreien zu lassen, starb tausend Tode und als das Baby einen besonders hohen Schrei ausstieß, verbrühte sie sich vor Schreck den rechten Zeigefinger am heißen Dampf des Milchaufschäumers. 

Zu allem Überfluss bestellte die rothaarige Frau mit der Hornbrille vor der jungen Mutter dann auch noch so viel, als plane sie, die Kaffeespezialitäten auf dem Gehweg vor dem Geschäft gewinnbringend weiterzuverkaufen. 

»Zwei mittlere Cappuccinos, einen kleinen Cappuccino mit Sojamilch, einen doppelten Espresso, einen großen Latte Macchiato, koffeinfrei und laktosefrei, und zwei Chai-Latte, mittelgroß. Zum Mitnehmen. Und zwei von den Sandwiches, eins mit Putenbrust und eins mit Camembert.« 

»Putenbrust haben wir heute leider nicht. Darf es vielleicht Kochschinken oder Salami sein?«, erkundigte sich Cecilia, während sie die Bestellung in die Kasse eingab. Der alarmierte Blick aus den kleinen Augen der Brillenträgerin ließen sie wie ein erschrecktes Kaninchen aussehen. 

»Aber Doktor Fahrholz isst wegen seines Cholesterinspiegels nur Putenfleisch!«

»Tja«, machte Cecilia aus Höflichkeit und zuckte bedauernd die Achseln. »Soll es etwas anderes sein?«

Die junge Frau, der man auch ein Post-it mit der Aufschrift »Praktikantin« auf die Stirn hätte kleben können, verfiel in eine Art Schockstarre und antwortete nicht. 

»Siebenunddreißig neunzig macht das dann«, sagte Cecilia schließlich, nachdem sie einen angemessenen Augenblick gewartet hatte, und machte sich hastig an die nächste Bestellung. Sie war heilfroh, als die Mutter endlich ihren Chai-Latte in die Getränkehalterung des Bugaboos stellte und hinausschob. Cecilia fragte sich, was wohl die Ursache für die graue Gesichtsfarbe und den schleppenden Gang der Frau sein mochte. Schlafmangel oder Beziehungsstress?

Ein lautes Platschen riss sie aus den Gedanken. 

»Können Sie nicht aufpassen! Sie haben meine Handtasche ruiniert!« 

Einem der Anzugträger war der Cappuccino heruntergefallen. Ein paar Spritzer schienen die Tasche einer blondierten Dame mittleren Alters erwischt zu haben. Der Rest war schwallartig auf dem Boden verteilt. 

Als Cecilia noch überlegte, ob sie zuerst die Bestellungen fertigmachen oder die Sauerei aufwischen sollte, hörte sie ihr Handy klingeln und ahnte mit sinkendem Herzen, dass das nur Jakobs Kita sein konnte. (…)

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