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Waldlauf mit Folgen

Der Himmel war bedeckt, aber man spürte deutlich, dass der Winter nun passé war. Eine leichte Brise strich ihr um die Nase. Unschlüssig stand sie an der Straße und blickte die geordnete Reihe Einfamilienhäuser entlang. Rechts oder links? Über die frisch gesäten Felder oder lieber in den Wald?


Laura dachte daran, wie die New Yorker den Central Park liebevoll ihren „Wald“ nannten und wie hochgeschätzt jedes Fitzelchen Grün in der betonlastigen Stadt war. Das gab den Ausschlag. Gemächlich trabte sie links die Straße herunter, den Feldweg entlang, auf dem sie als Kind Fahrradfahren gelernt hatte, und tauchte dann in das Gehölz ein.

Tapfer bemühte sie sich, die frische Luft zu genießen und dem Gesang der Vögel zu lauschen, der aus den Baumwipfeln zu ihr herunterschallte. Doch mehr und mehr wurde ihr etwas überdeutlich bewusst: Es war hier zu still. Ihr fehlten die in New York allgegenwärtigen Verkehrsgeräusche, die Mütter mit ihren Kinderwagen, ihr fehlten sogar die aufdringlichen Bettler und Straßenverkäufer.

Die ungewohnte Ruhe des Waldes löste ein latentes Unbehagen in ihr aus, musste sie erstaunt feststellen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass das früher so gewesen war. Als Teenager, als ihr klar geworden war, dass man sich eine schlanke Figur hart erarbeiten musste, war sie häufig hier entlanggelaufen. Und nun machte ihr ausgerechnet ihre ehemalige Stammstrecke Angst!

Plötzlich hörte sie ein Knacken hinter sich und fuhr zusammen. Augenblicklich fühlte sie sich verfolgt. Sie beschleunigte instinktiv ihre Schritte und warf verstohlen einen Blick über die Schulter. Doch es war niemand zu sehen. Ein Teil von ihr wollte dennoch sofort umdrehen.

Sie schalt sich eine Närrin. Nein, von so etwas wie Angst ließ Laura sich nicht von ihrem Sportprogramm abbringen. Morgen würde sie sich Pfefferspray besorgen, damit sie sich besser fühlte. Für heute musste es so gehen.

Sie nahm ihre Kopfhörer aus der Tasche und stellte eine schwungvolle Musik an. Zu den Beats von Rihanna lief es sich schon viel besser, weil sie nicht auf irgendwelche Geräusche lauschen konnte. Sie spürte, wie sie sich entspannte und die Füße wie von selbst in den richtigen Rhythmus fanden. Nun genoss sie die frische Luft und hatte fast das Gefühl zu schweben, während sie sich von ihren Füßen über den weichen Waldboden tragen ließ. Eine angenehme Gelassenheit breitete sich in ihr aus.

Das wirre Karussell ihrer Gedanken begann sich zu beruhigen und wich einer Ahnung von Klarheit und ja, auch Hoffnung. Vielleicht täuschte sie sich darin, dass sie aus dem Sumpf, in den sie sich selbst begeben hatte, nicht wieder herauskommen konnte. Vielleicht würde sie doch noch einen Weg finden und irgendwann sogar einen neuen Anlauf ins Glück starten können. Vielleicht …

„Vorsicht! He, pass auf!“

In die Musik mischte sich das Rufen einer männlichen Stimme. Verwundert drehte sie sich um. Woher kam dieser Ruf?

Der Blick hinter sich zeigte ihr, dass ihr diese Frage herzlich egal sein konnte, nein, musste. Wenige, vielleicht zweihundert Meter entfernt, fegte ein riesiges Tier durch das Unterholz. War das ein Stier? Pechschwarz und wutschnaubend jedenfalls. Und mit einem Paar Hörner bestückt, die einem die Eingeweide rausreißen konnten. Dass ihr bei diesem Anblick das Blut in den Adern gefror, war ausnahmsweise mehr als eine Floskel aus einem schlechten Thriller.

Einen Moment lang starrte sie fassungslos auf das schwarze Ungetüm, unfähig, irgendeine lebensrettende Entscheidung zu fällen. Denn eines war klar – das Tier hielt direkt auf sie zu.

„Weg da!“

Dieser Befehl löste endlich ihre Erstarrung. Sie dreht sich um und rannte los. Schlug zweimal Haken, um nicht mehr in der Fluchtrichtung des Tieres zu sein. Doch irgendetwas musste sie an sich haben, dass es ihr unbeirrt folgte. Panisch blickte sie sich nach einem Baum um, auf den sie klettern könnte. Aber die in ihrer Nähe waren viel zu hoch. Mit aller Kraft, die sie hatte, lief sie weiter, aber das Tier kam unaufhörlich näher.

Nach allem, was geschehen war, sollte das hier ihr Ende werden? Ein absurder Gedanke stieg in ihr auf: das Foto ihres durchlöcherten Körpers auf der Titelseite der New York Times mit der Überschrift „Skandal-Ex von Stier gepfählt“.

Alle, die die Geschichte kannten, würden sich zunicken und meinen: „Irgendwie geschieht ihr das recht, was für ein unwürdiges Ende.“

Sie stolperte über die dicke Wurzel eines Ahornbaumes und entdeckte linker Hand plötzlich eine mögliche Rettung. Ein großer Nadelbaum hatte den Herbststürmen offenbar nicht standgehalten und war quer über einer Eiche gelandet. Das könnte ihre Chance sein, sich außerhalb der Reichweite des Ungetüms in Sicherheit zu bringen.

Das Tier war mittlerweile nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Das Stampfen der Hufe dröhnte laut in ihren Ohren. Sie mobilisierte ihre letzten Reserven, doch der Abstand zwischen ihnen wurde immer kleiner.

„Hilfe“, bat sie stumm in Richtung Himmel, obwohl sie längst aufgehört hatte, an spirituelle Dinge zu glauben.

„Hilf mir und ich werde der beste Mensch sein, den man sich vorstellen kann!“

Wenige Schritte trennten sie von dem rettenden Baum. Aber nun war klar, dass sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde. Sie meinte, schon fast den Atem des Angreifers in ihrem Nacken zu spüren. Verzweifelt kämpfte sie sich weiter und wartete die ganze Zeit auf den unausweichlichen Aufprall.

Ein ohrenbetäubender Knall war zu hören. Laura fiel zu Boden und schaffte es gerade noch, schützend ihre Arme über den Kopf zu heben. Kleine Äste auf weichem Waldboden bohrten sich in ihr Gesicht, während sie auf das Ende wartete. Dieses war überraschend still, unspektakulär und … merkwürdigerweise war da kaum Schmerz, stellte sie mit einiger Erleichterung fest. Zumindest wenn man von dem Brennen an ihrem rechten Knie absah. Doch wieso war es so still?

Vorsichtig senkte sie die Arme und hob den Kopf, um einen Blick über die Schulter zu riskieren.

Fassungslos registrierte sie, dass der kraftvolle Bullenkörper schlaff auf einem Bett aus Tannennadeln lag. Ob er tot war? Wie konnte das sein?

Da erst merkte sie den großgewachsenen Mann, der mit eiligen Schritten näherkam. Er war wie eine Erscheinung, ein Wunder aus einer fremden Welt, mit der Schrotflinte im Arm, dem Jägerhut und dem Holzfällerhemd.

Plötzlich schaffte es ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke und tauchte die Szenerie in ein unwirkliches Licht. Kurz dachte sie an ein anderes Bild: die Jungfrau in der Sage, die der edle Ritter den Klauen des Monsters entreißt. Dann begann der edle Ritter zu sprechen und wie eine Seifenblase verflüchtigte sich das Bild wieder.

„Alles in Ordnung mit dir?“

Seine Miene war bestürzt, seine Stirn gefurcht.

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch auf einmal merkte sie, wie sie vor Schreck am ganzen Körper zitterte. Unkontrollierbar bewegte sich ihre Arme hin und her.

„Ich denke schon“, brachte sie schließlich krächzend hervor.

Als wäre er sich nicht sicher, ob er das wirklich glauben könnte, beugte er sich vor und reichte ihr eine große, schwielige Hand. Die Hand eines Mannes, der täglich körperlicher Arbeit nachging, das konnte man unschwer erkennen. Vincents Hände waren immer weich und gepflegt gewesen, nicht durch eine einzige Schwiele verunstaltet.

Kritisch inspizierten seine erstaunlich blauen Augen ihren Zustand. Auf einmal hatte sie das Gefühl, ihn von irgendwoher zu kennen, doch es wollte ihr einfach nicht einfallen, woher.

Sie ergriff die Hand und ließ sich hochhelfen. Mit weichen Knien stand sie schließlich über dem Ungetüm mit dem schwarzglänzenden Fell. Schweigend verharrten sie einen Moment nebeneinander.

„Ist er tot?“, fragte sie leise und bemerkte, dass ihr das trotz allem etwas ausmachen würde.

Irritiert sah ihr Retter sie an. Da erst entdeckte sie die Blutlache, die sich neben dem Kopf des Tieres auszubreiten begann, und ihr Magen verkrampfte sich. Mit plötzlich aufkeimender Angst sah sie den Mann neben sich an. Wie hatte er aus der Entfernung das Tier so zielgenau zu treffen vermocht? War so etwas überhaupt erlaubt?

Er schien ihr Unbehagen zu bemerken und ließ das Gewehr, das er noch immer in der Hand trug, auf den Rücken gleiten.

„Der Bulle sollte in den Transporter zum Schlachthof verladen werden und ist in Panik geraten. Dein Glück, dass ich gleich hinterher bin und nicht auf die Polizei gewartet habe. Ich hatte so ein ungutes Gefühl …“

Mit einem schiefen Grinsen sah er sie an. Wieder dachte sie, dass er ihr irgendwie vertraut vorkam. Sicher, wenn er ein Bauer hier aus der Gegend war, waren sie sich vermutlich schon als Kinder begegnet. Wie alt mochte er sein? So alt wie sie oder ein winziges Bisschen älter?

Plötzlich lachte er schallend auf.

„Du hast keinen blassen Schimmer, wer ich bin, oder?“

Konzentriert suchte sie in ihrem Gehirn nach einer Idee, wer er wohl sein konnte. Da endlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Natürlich. Er war der Hipster mit dem Fahrrad, der ihr bei ihrer Ankunft begegnet war, und musste ein Freund von ihrem Schwager sein.

„Doch“, entgegnetet sie zögernd. „Wir haben uns vor vier Tagen gesehen, als du aus dem Haus meiner Schwester gekommen bist.“

Damit schien sie ihn verärgert zu haben. Er kniff die Lippen zusammen und musterte sie kühl.

Während sie darüber nachgrübelte, wieso er so seltsam reagierte, spürte sie plötzlich, wie das Blut in ihren Ohren zu rauschen begann, dann sackten ihr die Knie weg.

(...)


Dies ist exklusiv für den Autorenadventskalender ein Auszug aus einem Roman, an dem ich momentan arbeitet, mit dem vorläufigen Titel "Lauras Rückkehr". Hat es euch gefallen? Dann würde ich mich über eure Rückmeldung freuen!

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