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Schlagwort: Liebe

Zwischenfall mit Osternest

Mit einem Berg Schulden und einer Menge geplatzter Träume im Gepäck ist Laura gezwungen, aus New York zurück in die Ostwestfälische Kleinstadt zu ziehen und bei ihrer großen Schwester unterzukriechen. Dumm nur, dass sie in den letzten drei Jahren quasi keinen Kontakt mehr gehabt haben …

Dies ist exklusiv für euch der Beginn meines nächsten Romans „Sommerwiesenduft“. Viel Spaß damit!

Schwarnberg, Ostwestfalen, Ostersamstag 2018

„Siebenzwanzig fuffzig!“, brummte der Taxifahrer und streckte ihr seine speckige Hand hin.

Laura reichte ihm dreißig Euro.

„Stimmt so“, sagte sie und das Geld verschwand in seinem Portemonnaie.

Sie stieg aus. Unwillkürlich zog sie den Kopf zwischen die Schultern. Hier war nichts davon zu spüren, dass es schon fast Sommer war. Eiskalt fühlte sich der Nieselregen über ihrem dünnen Kostüm an.

Der Fahrer öffnete den Kofferraum, in dem sich zwei gigantische Koffer und ein Kleidersack befanden. Laura wartete darauf, dass er die Gepäckstücke herausnahm und sie den schmalen Gehweg bis zur Eingangstür herauftrug, doch er machte dazu keine Anstalten.

„Könnten Sie mit bitte mit dem Gepäck helfen?“, fragte sie schließlich mit hochgezogenen Augenbrauen und ein wenig schärfer als gedacht.

„Ne, ich hab Bandscheibe. Sie machen das schon.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust.

So etwas hatte Laura in den letzten drei Jahren nicht erlebt. In New York wäre dieses Verhalten undenkbar gewesen. Aber in Schwarnberg, der provinziellen Kleinstadt am Rande des Teutoburger Waldes, war selbstverständlich alles anders.

Weil sie nicht noch länger im Regen stehen wollte, begann sie unter dem genervten Blick des Taxifahrers, ihr Gepäck aus dem Auto zu zerren. Sie hatte das Gefühl, Ziegelsteine eingepackt zu haben, so schwer waren die Koffer, die die Überreste eines ganzen Lebens enthielten.

Sie fluchte leise, als sie sich beim letzten einen ihrer sorgfältig manikürten Fingernägel abbrach.

Der Fahrer düste ab. Verloren blieb sie am Straßenrand stehen und sah ihm nach, bis er verschwunden war. Sie sehnte sich danach, immer noch im Taxi zu sitzen und wieder in die weite Welt fahren zu können. Doch nun war sie hier. Wieder. Und erstmal würde sie bleiben müssen, in ihrer Heimatstadt, die ihr vertraut und doch unendlich fremd war.

Drei Jahre war es her, dass ein Prinz auf einem weißen Pferd in Form von Mark Turner II sie aus dieser Provinz gerettet hatte. Sie war so froh gewesen, ein anderes Leben zu führen, dass sie Schwarnberg keine Träne nachgeweint hatte. In der ganzen Zeit war sie nicht ein einziges Mal zurückgekehrt. Die Anrufe ihrer Schwester hatte sie höchstens sporadisch erwidert. Wie dumm nur, dass diese Schwester nun ihre letzte Rettung war.

Zögernd wandte sie sich wieder dem Haus zu, das ungerührt von den Geschehnissen der vergangenen Jahre immer noch auf demselben kleinen Hügel thronte wie damals, als ihre Eltern noch gelebt hatten.

Das Eigenheim der Meisters gegenüber, von denen ihre Mutter im Spätsommer immer Kübel voller reifer Pflaumen bekommen hatte, war drei eng aneinandergeklebten Reihenhäusern gewichen, mit handtuchbreiten, aber akkurat geschnittenen Rasenflächen vor den identischen Eingängen. Laura fragte sich, ob es bereits bewohnt war, denn kein Licht erhellte die moderne Fensterfront. Waren etwa alle Besucher über Ostern verreist?

Aus dem Haus, in dem nun Lauras Schwester Susanne mit Mann und Kind wohnte, drang plötzlich lautes Stimmengewirr. Unwillkürlich zuckte sie zurück. Hatte ihre Schwester ausgerechnet heute Gäste? Ihr Magen zog sich zusammen bei dem Gedanken, dass Susanne eine Willkommensparty organisiert haben könnte. Sie beschloss, erst einmal nachzuschauen, wer im Haus war.

Behutsam stellte sie ihr Gepäck auf den moosbesetzten Bodenplatten ab und schlich vorsichtig zum Küchenfenster hinüber, darauf bedacht, ihre nudefarbenen Ballerinas nicht schmutzig zu machen. Dort hatte sie als Kind oft einen Keksteller entgegengenommen, wenn sie vom Spielen im Garten hungrig geworden war.

Mit einem kleinen Lächeln entdeckte sie ein Osternest, dass sich zum Schutz vor Regen zwischen Fensterbank und dem alten Rhododendron versteckte. Genauso hatte ihre Mutter es früher auch gemacht.

Kurz vor dem Fenster duckte sie sich, um nicht gesehen zu werden, und kroch nah an die Hauswand, von der der Putz zu bröckeln begann. Sie umfasste das Fensterbrett und zog sich vorsichtig hoch, um durch die Scheibe zu lugen.

Genau in dem Moment lief plötzlich eine fette schwarze Spinne über ihre Hand, die Laura in ihrem Versteck aufgeschreckt haben musste. Sie unterdrückte einen Entsetzensschrei, taumelte zurück und konnte gerade noch verhindern, dass sie rücklings in den Matsch fiel. Dafür aber vernahm sie ein erst suppendes, dann knirschenden Geräusch und spürte, wie sie mit den Schuhen genau in das Osternest getreten war.

Eine braune Brühe ergoss sich über ihre Dreihundert-Dollar-Schuhe. Die buntglitzernden Eier mussten eine flüssige Füllung gehabt haben.

Einen Moment lang hielt sie inne, um zu lauschen, ob jemand ihr merkwürdiges Manöver entdeckt hatte. Wegen des ungemütlichen Wetters war die Straße glücklicherweise menschenleer.

Dann sah sie sich das Desaster an. Das Nest war ein Totalschaden. Eigentlich war es auch ziemlich unvorsichtig von ihrer Schwester, die kleinen Kostbarkeiten schon am Ostersamstag draußen im Regen zu platzieren. Schließlich konnten sich ja Tiere an den Süßigkeiten gütlich tun.

Mit spitzen Fingern hob Laura die matschige Masse hoch und ging zur Mülltonne hinüber, die immer noch unter dem Verschlag stand, den ihr Vater vor vermutlich dreißig Jahren gebaut hatte.

Laura rümpfte die Nase, als sie den Deckel anhob und ihr ein Geruch nach altem Fisch in die Nase stieg. Schnell ließ sie das Osternest hineinfallen und klappte den Deckel wieder zu.

Doch sie hatte sich erst ein paar Schritte wieder entfernt, als ihr aufging, dass sie den Beweis ihrer Missetat nicht gut genug versteckt hatte. Sie kehrte um und spähte mit angehaltenem Atem in die Mülltonne. Nicht gut. Jeder, der etwas hineinwarf, konnte das bunte Schokoladenpapier entdecken.

Sie schaute sich nach einem brauchbaren Werkzeug um. Schließlich nahm sie die verrostete Harke, die an der Regenrinne lehnte und stocherte mit ihr solange in der Mülltonne herum, bis nichts Verdächtiges mehr zu entdecken war.

Dann unterdrückte sie ein Würgen und pulte die schmierigen Zellophanreste, die sich in den Zinken der Harke verfangen hatten wieder ab.

Hoffentlich bekam sie jetzt nicht als Nächstes einen Ekelherpes.

Genau in dem Moment, als sie über den Rasen zur Eingangstür stakste, verwandelte sich der Nieselregen in eine Dusche. Das gab ihren sorgfältig gewellten Haaren den Rest. Strähnig klebten sie an ihrem Kopf und tropften über die Schultern ihres durchweichten Seidenkostüms.

Als sie wieder bei ihrem Gepäck war, betete sie, dass die Koffer das Wasser einigermaßen abhielten und zog eine Kleenexpackung aus der Seitentasche, um die Schokoladespuren auf ihren Schuhen zu entfernen. Doch auf diese Art schienen sich die braunen Flecken nur noch tiefer in das feine Leder zu fressen.

Sie gab es auf, ließ den Platzregen über sich ergehen und hatte das Gefühl, dass die Wolken die Tränen weinten, die sie immer noch nicht vergossen hatte.

Schlimmer konnte es nicht mehr werden, dachte sie, als sie zaghaft auf den Eingang zuging. Auf einmal öffnete sich vor ihr die Haustür und ein Mann mit Hipsterbart und einer merkwürdigen Wollmütze stürzte heraus, den Kragen seiner Cordjacke vorausschauend gegen den Regen hochgeklappt.

„Danke euch. Tut mr leid, dass ich so plötzlich weg muss“, rief er über die Schulter.

Da erst erblickte er sie und blieb wie angewurzelt stehen. Ungläubig riss er die Augen auf.

„Laura?“

Er schien auf ein Erkennen ihrerseits zu warten. Denn er verharrte einen Moment lang. Doch Laura hatte keine Ahnung, wer da vor ihr stand, obwohl sie hektisch ihr Personengedächtnis durchforstete.

Also sah die ihn nur fragend an. Er zuckte die Achseln und schwang sich auf das Fahrrad, das unangeschlossen am Zaun gelehnt hatte.

„Laura?“, erklang die Stimme ihrer Schwester in ihrem Rücken. „Was machst du denn schon hier? Wir haben dich doch erst am Montag erwartet!“

Ein bisschen müsst ihr euch noch gedulden, bis mein nächster Roman erscheint. Bis dahin schaut euch gern meine anderen Bücher an. Hier gibt es eine Leseprobe von „Wer den Frosch küsst“hier findet ihr eine zu „Puccini zum Frühstück“.

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Diese Erzählung ist Teil des Autoren-Adventskalenders, wo ihr jeden Tag eine neue, wunderbare Geschichte entdecken könnt. Schaut euch gern einmal die wunderbaren Beiträge meiner Kollegen und Kolleginnen an!

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Foto: Pixabay!

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