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Ausgerechnet Heiligabend

Aktualisiert: 16. Dez 2019

#Heiligabend #Familienkatastrophe


Hier gibt es einen exklusiven, unveröffentlichten Ausschnitt aus meinem neuen Roman "Puccini zum Frühstück".

Diese Erzählung ist Teil des Autoren-Adventskalenders, wo ihr jeden Tag eine neue, wunderbare Geschichte entdecken könnt.

Falls sie Euch gefallen hat und ihr mehr von mir lesen wollt, habt ihr zwei Möglichkeiten. Ihr lest zunächst einmal meinen ersten Roman "Wer den Frosch küsst", oder ihr meldet euch auf meinen Newsletter an, dann erfahrt ihr als erstes, wann "Puccini zum Frühstück" veröffentlicht wird.


(...) Mit gemischten Gefühlen bestieg Charlie an Heiligabend die Regionalbahn in Richtung Bremen und stellte sich darauf ein, in das prunkvolle Nest ihrer Familie zurückzukehren. Der Waggon war zum Bersten gefüllte. Sie hatte Schwierigkeiten, mit ihrem kleinen Koffer überhaupt einen Stehplatz zu bekommen.

Die mollige Frau, neben die sie sich quetschte, rollte mit den Augen und meinte: „Da hat bei der Bahn mal wieder keiner ahnen können, dass kurz vor Weihnachten eventuell mehr Fahrgäste unterwegs sein könnten.“

Charlie lachte. „Genau, das muss ungefähr dasselbe sein wie große Hitze – wer braucht schon Klimaanlagen, wenn es total heiß ist!“

Ihr Mantel war vorhin so nass geworden, dass sich zu ihren Füßen kleine Pfützen bildeten. Sowieso roch hier drinnen generell alles nach feuchter Kleidung und einem Döner Kebab, das ein Anzugträger zwei Sitzreihen rechts von ihr genüsslich verspeiste. Als ein korpulenter Mann neben ihr den Arm hob, um sich am Haltegriff oben festzuhalten, stieg ihr ein übler Geruch nach altem Schweiß in die Nase. Rasch wandte sie den Kopf zur Seite.

Am Bahnhof in Altona duftete es dafür verlockend nach Glühwein und Schmalzgebäck. Doch sie widerstand der Versuchung und wollte gerade zu dem Bus gehen, der sie die Elbchaussee hinunter zum Haus ihrer Familie bringen würde, als sie hinter sich jemanden rufen hörte.

„Na, wenn das nicht Fräulein Sanders ist! Hallo!“

Überrascht drehte sie sich um und stand einem breitschultrigen Mann mit wettergegerbten Gesicht und grauen Schläfen gegenüber, der sie um mehr als einen Kopf überragte. Er trug einen dunklen Anzug, den seine Schultern beinahe zu sprengen schienen und eine Schirmmütze.

„Fred, was machen Sie denn hier?“

Fred war der Fahrer der Sanders und bei ihnen, seit Charlie sich erinnern konnte. Elli, seine Frau arbeitete als Haushälterin und Köchin. Bei seinem Lächeln wurde ihr warm ums Herz. In der Tat hatten ihre positivsten Kindheitserinnerungen mit diesen beiden Menschen zu tun. Sie hatten dem einsamen Kind, das sie gewesen war, Mitleid und Sympathie entgegengebracht. Früher hatte sie oft darum gebetet, dass diese beiden ihre Eltern wären.

„Ich warte hier seit eineinhalb Stunden. Ihre Mutter war sich sicher, dass Sie spätestens diesen Zug bekommen würden.“

Sie hatte sich bewusst nicht angekündigt, um Fred keine zusätzliche Arbeit zu machen. Wie gut, dass sie heute extra früh aufgestanden war.

„Das wäre echt nicht nötig gewesen. Ich habe ja kaum Gepäck, aber trotzdem danke.“

Fred hievte ihren Koffer in den Kofferraum, stieg dann in die schwarze Limousine und sie fuhren los. Plötzlich war alles so wie früher. Charlie fühlte sich, als wäre sie nie weg gewesen. Als hätte sie nie die Flügel ausgebreitet, um dem Einfluss ihrer Mutter zu entgehen.

„Wie geht es Elli?“

„Na ja, natürlich hält deine Mutter sie eifrig auf Trab, besonders wegen der Feiertage, aber das ist ja nichts Neues.“ Sie sah ihn im Rückspiegel lächeln. Nun, da nur sie beide im Auto waren, wechselte er auf das vertraulichere „du“. Auch das hatte er schon immer so gehalten. „Aber wie geht es denn unserer Charlie? Wir haben ewig nichts von dir gehört.“

Sie bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie, seit sie in Marienburg lebte, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und allem, was nach Hamburg gehörte, hatte bringen wollen. Das schloss leider auch die Menschen ein, die eine Funkstille nicht verdienten.

„Entschuldige“, sagte sie kleinlaut, „ich hätte wirklich mal anrufen können.“

„Schon gut. Wir sind glücklich, wenn es dir gut geht.“ Nach einer winzigen Pause fügte er hinzu: „Es geht dir doch gut, oder?“

Charlie wurde warm ums Herz, als sie die Besorgnis in seiner Stimme vernahm. „Ja. Es ist toll für mich, mein eigenes Leben zu führen.“

„Das wird Elli freuen.“

Auf den Straßen herrschte bereits Weihnachtsstimmung. Sie waren wie leergefegt. Ungewöhnlich kurz dauerte die Strecke vom Bahnhof Altona die Elbchaussee hinunter. Fred bog in die hellerleuchtete Einfahrt hinein, an deren Ende sich majestätisch und leuchtendweiß die Familienvilla der Sanders erhob. Eigentlich war sie mit den zwei Flügeln sogar mehr ein Palast und eines der größten Häuser, die man im noblen Othmarschen finden konnte. Der Ort von Charlies Kindheit.

Fred hielt ihr die Tür auf, doch sie zögerte. Plötzlich legte sich Beklommenheit wie ein schwerer Stein auf ihre Seele. War es vielleicht ein Fehler zurückzukommen? Ein Teil von ihr sehnte sich danach, kurzerhand die Fäden zu durchtrennen, die sie an ihre Familie band und sofort wieder nach Marienburg zu fahren. Mit Füßen wie aus Blei stand sie schließlich auf und musste sich zwingen, in das Haupthaus zu gehen, anstatt durch den Dienstboteneingang in die sicheren Gefilde der Küche zu fliehen.

„Da bist du ja“, stellte ihre Mutter fest, nachdem Charlie das Wohnzimmer betreten hatte, in dem ein gigantischer Weihnachtsbaum posierte. Jedes Jahr wurde er nach der allerneuesten Mode geschmückt. Diesmal war er regenbogenfarben geworden und die Ahnen auf den Wandgemälden schienen Charlie noch finsterer an zu gucken als sonst.

Ihre Mutter legte gemächlich die Modezeitschrift auf den Teakholztisch, erhob sich und gab ihr die obligatorischen zwei Küsse. Das und ein Streichen über den Kopf, wenn Gäste da waren, waren so ziemlich alle Zärtlichkeiten, die Charlie mit ihrer Mutter je geteilt hatte. Dann schob sie ihre Tochter mit beiden Armen von sich und musterte sie prüfend.

„Sieht so aus, als hättest du wenigstens etwas abgenommen“, bemerkte Irina Sanders nun. „Dann scheint das Arbeiten ja doch zu etwas gut zu sein.“

Ihre Mutter wandte sich wieder der Dekoration zu und die Audienz war beendet. Charlie kannte es nicht anders. Sie hätte sich schlichtweg gewundert, wenn Irina plötzlich Interesse an ihrem Beruf oder ihren Erfahrungen in Marienburg gehabt hätte. Mittlerweile hatte das Desinteresse ihrer Mutter nicht mehr die Kraft, sie zu verletzen. Aber sie wusste noch genau, wie sie als Kind vergeblich um die Aufmerksamkeit dieser perfekten Frau gebuhlt hatte, die Charlie in ihrem ganzen Leben noch nie ungeschminkt gesehen hatte.

„Ich gehe mich umziehen“, sagte sie und stieg, ohne eine Antwort abzuwarten, hoch in ihr Zimmer. Sie fragte sich zum wiederholten Mal, warum es ihrer Mutter so wichtig war, dass sie frühzeitig hier war, wenn sie sich doch nicht mit ihr abgeben wollte.

Ihr Zimmer war unverändert. Picobello aufgeräumt, mit nur wenigen Gegenständen, die zeigten, dass es einmal ein Kinderzimmer gewesen war. Ihre Mutter hasste Unordnung. Die Berge von Spielzeug, die es an Weihnachten gegeben hatte, waren stets zügig in Richtung Dachboden aussortiert worden und dann höchstwahrscheinlich entsorgt, damit nichts das ‚Schöner Wohnen Ambiente‘ im Haus störte..

Irina Sanders, selbst aus ärmlichen Verhältnissen in Russland stammend, über die sie sich weigerte zu sprechen, war mit dem unbedingten Willen ausgestattet, jemand zu sein, zu dem andere aufschauten. Seitdem Geld keine Rolle mehr für sie spielte, kaufte sie sich Luxus und guten Stil. Mindestens einmal im Jahr hatte sie eine Innenarchitektin engagiert, die dafür sorgte, dass das Interieur der 450 m² Bauhaus-Villa den vermeintlich exquisiten Geschmack der Hausherrin repräsentierte. Genauso verfuhr sie mit ihrer Kleidung. Wie aus ihrer Zeit als Modell gewöhnt beschäftigte sie Stylisten, um nichts dem Zufall zu überlassen.

Charlie öffnete den Kleiderschrank, in dem mehrere Tages- und Abendkleider auf sie warteten und zog seufzend ein dunkelgrünes Samtkleid heraus, das ihre Rundungen mehr oder weniger erfolgreich kaschierte. Als sie umgezogen war, schlich sie in die Küche, um Elli „Hallo“ zu sagen. Sie fand die Haushälterin am großen Tisch vor, wie sie soeben mehrere Baguettes vorbereitete.

„Hm, das riecht gut.“ Schnuppernd stand Charlie in der Tür. Den Backkünsten von Elli konnte niemand das Wasser reichen.

„Charlie! Wie schön, dich zu sehen!“ Sie wollte auf Charlie zu stürzen, dann fiel ihr auf, dass sie von oben bis unten mit Mehl bedeckt war. Sie deutete eine Umarmung in der Luft an und ging zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen.

„Wie geht es dir? Hast du Hunger?“, rief sie Charlie über die Schulter hinweg zu.

„Eigentlich nicht, aber wenn ich das hier rieche …“

Mit nun sauberen Händen drehte Elli sich zu ihr um, kam auf Charlie zu und nahm sie tüchtig in den Arm. Dann stellte Elli ihr breit grinsend einen Teller mit Franzbrötchen und einen Milchkaffee hin.

„Erzähl mal, wie ist das wilde Theaterleben?“ Neugierig beugte sie sich vor und sah Charlie mit glänzenden Augen an. „Hast du schon einen feschen jungen Mann kennengelernt?“

Charlie musste lachen. Elli war ein begeisterter Operettenfan und stellte sich das Leben am Theater gern wie eine ebensolche vor.

„Schön wär’s!“, erwiderte Charlie seufzend. Auf einmal wanderten ihre Gedanken zu Jonathan. Was er jetzt wohl machte?

Vielleicht hatte sich ein kleines Lächeln in Charlie Gesicht geschlichen oder es lag an Ellis siebten Sinn. Augenblicklich jedenfalls erhob sie die Augen von dem Baguetteteig, den sie mittlerweile wieder knetete und schaute Charlie strahlend an.

„Das gibt es doch nicht! Unsere Charlie ist verliebt! Ich habe Fred ja immer gesagt, wart’s ab, habe ich gesagt, da muss einfach mal der Richtige kommen! Wer ist es? Ich will alles wissen! Ein Dirigent? Oder ein Sänger? Bestimmt ein Tenor, oder?“ Sofort begann sie, ‚Dein ist mein ganzes Herz‘ zu summen.

Charlie musste über ihre Begeisterung lachen und brachte es nicht über sich, es ihrer mütterlichen Freundin gegenüber abzustreiten.

„Es gibt leider nicht allzu viel zu erzählen, wenn sich der Angebetete leider nicht für einen interessiert, oder?“

„Ach, wie schade! Auch noch unglücklich verliebt? Aber warte es nur ab. So einer schönen jungen Frau wird er nicht allzu lange entkommen können. Du musst es nur richtig anstellen. Pass auf. Es gibt ein paar überraschende Wendungen und dann ganz sicher ein Happy End!“

„Wenn du doch bloß recht hättest!“

Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und dachte daran, wie wundervoll es wäre, eine eigene Familie zu haben. Mit ihren eigenen Kindern würde sie alles anders machen, das hatte sie sich geschworen. Sie würden in Liebe und Geborgenheit aufwachsen und sich so viel schmutzig machen dürfen, wie sie nur wollten.

„Hier bist du!“, erklang wie auf Stichwort die erboste Stimme ihrer Mutter hinter ihr. Ihre schwarzen Augen sprühten Funken. „Man sollte meinen, dass du zuerst deinem Vater ‚Guten Tag‘ sagst!“

Ja, das sollte man vielleicht, wenn die Dinge in ihrer Familie so wären, wie bei normalen Leuten. Waren sie aber nicht. Charlie ballte kurz die Fäuste, schluckte ihren Ärger hinunter - vierundzwanzig Stunden würde sie das Ganze aushalten - und folgte ihr.

Pieter Sanders Arbeitszimmer war ein düsterer, holzgetäfelter Raum, der sich streng den Modernisierungsversuchen der Innenarchitektin und ihrer Mutter verweigerte. Als er Irina geheiratet hatte, hatte er ihr in allen Dingen freie Hand gelassen. Nur in seinem persönlichen Reich bestand er auf der Einrichtung, in der schon sein Großvater die Geschicke des Unternehmens gesteuert hatte. Er hob den Kopf, als sie hereinkamen, legte ein Dokument auf den Schreibtisch vor sich und fuhr mit seinem Rollstuhl auf sie zu.

„Charlie.“

„Papa“.

Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die welke Wange. Verwundert registrierte sie, wie sehr er seit ihrem letzten Besuch gealtert war. Sicher, er saß schon seit einer Weile im Rollstuhl, aber hatte trotzdem vital gewirkt. Nun hatte sie das erste Mal das Gefühl, einen Greis vor sich zu haben. Ob er krank war?

„Wie schön, dass du dich auch mal wieder hier blicken lässt“, bemerkte er und das Lächeln seiner Lippen reichte nicht ganz bis in seine Augen.

„Ich habe sie in der Küche vorgefunden!“, mischte ihre Mutter sich ein.

„Danke, meine Liebe“, erwiderte ihr Vater mit leiser Stimme. „Wann werden denn Henrik und seine Freundin hier ankommen?“

Das Strahlen, das nun in den Augen ihrer Mutter zu sehen war, gab Charlie einen wohlbekannten Stich ins Herz.

„So gegen sechszehn Uhr. Ist es nicht großartig? Da lernen wir die Freundin unseres Sohnes genau an Heiligabend kennen. Das muss doch etwas bedeuten, oder?“

Als sie später alle zusammen mit einem Glas Champagner am Kamin saßen, ahnte Charlie, dass die geheimen Wünsche ihrer Mutter in Erfüllung gegangen waren. Es schien fast, als hätte ihr Bruder sich in eine Doppelgängerin seiner Mutter verliebt. Viktoria – natürlich hieß sie Viktoria, wie konnte eine Freundin ihres mustergültigen Bruders auch sonst heißen, – war eine großgewachsene, wunderschöne junge Frau mit strahlend blauen Augen, langen schwarzen Haaren und einer in jeder Hinsicht perfekten Figur. Zu allem Überfluss hatte sie soeben ihr Jurastudium summa cum laude abgeschlossen.

Irina Sanders hing förmlich an ihren Lippen. Einmal mehr fühlte Charlie sich inmitten ihrer Familie fehl am Platz und betete, dass der Abend schnell vorbeigehen möge. Sie hielt sich, so weit es ging, aus den Gesprächen heraus, nickte nur hin und wieder und murmelte gelegentlich etwas Zustimmendes.

Doch schließlich machte Viktoria den schweren Fehler, sich direkt an Charlie zu wenden. Diese war in Gedanken gerade bei der Silvesterfeier, an der höchstwahrscheinlich auch Jonathan teilnehmen würden. Vielleicht, ja vielleicht wäre es möglich, dass….

„Charlie!“ Die beißende Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken.

„Wie bitte?“ Sie hatte nicht mitbekommen, über was soeben geredet worden war.

Viktoria lächelte sie charmant an und ließ ihre perlenweißen Zähne aufblitzen. „Ich hatte gefragt, was du so machst. Bist du auch im Familienbetrieb tätig?“

Charlie sah sie mit hochgezogenen Augenbrauchen an. „Hat Henrik das noch gar nicht erzählt? Ich bin am Theater. Als Dramaturgin.“

„Ach, das ist ja interessant! Nein, Henrik hat das gar nicht erwähnt.“ Neckisch wandte sie sich um und stupste ihn an die Schulter. „Das du aber auch aus allem immer so ein Geheimnis machen musst!“ Sie drehte sich wieder zu Charlie. „Ihm muss man solche Sachen förmlich aus der Nase ziehen. Aber“, und hier beugte sie sich verschwörerisch vor, „momentan liest man ja überall, dass die Jobs am Theater ziemlich schlecht bezahlt sind?“ Mit großen Augen blickte Viktoria sie an, als könnte sie sich nicht vorstellen, wie sich jemand freiwillig für einen schlecht bezahlten Job entscheiden konnte.

„Kann sein. Aber mir kommt es nicht auf das Geld an. Mir gefällt es dort.“

„Na ja, Charlotte muss ja auch nicht aufs Geld gucken“, mischte Irina Sanders sich ein und stieß ein kleines Lachen aus. „Das ist so etwas wie ein Hobby für sie, bis sie herausgefunden hat, was sie wirklich machen möchte. Probier doch noch etwas von diesen köstlichen Auberginen.“ Auffordernd deutete sie auf ein Tablett, auf dem gebackene Auberginen um eine Frischkäsefüllung gerollt lagen.

Charlie presste sie Zähne fest zusammen, um nicht laut loszuschreien.

„Danke, deine Art der Unterstützung ist großartig..“

„Schon gut, lasst uns darüber nicht mehr sprechen.“ Irina wandte sich an Viktoria, als wäre Charlie nicht mehr im Raum. „Charlotte wird irgendwann auch ihren Weg finden, etwas für diese Familie zu leisten.“

Der Tonfall ihrer Mutter war vordergründig freundlich. Aber Charlie kannte sie gut genug, um zu wissen, wie sie das meinte. Auf einmal platzte ihr der Kragen und alle Emotionen, die sie so tief in sich vergraben hatte, bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche.

„Und du, Irina?“

Ihrer Mutter kniff warnend die Augen zusammen, doch Charlie war nicht mehr zu stoppen.

„Was hast du für diese Familie getan? Außer dir einen reichen Mann zu angeln, meine ich!“

Auf einmal wurde Irina blass um die Nase.

„Du wirst unverschämt!“, sagte sie mit vor Zorn zitternder Stimme.

Da wusste Charlie plötzlich, dass genau jetzt und hier der Zeitpunkt gekommen war, an dem sie nicht mehr schweigen würde.

„Ich meine, was hast du hier geleistet? Du gibst das Geld meines Vaters in vollen Händen aus und dein einziger Beitrag dafür ist dein Aussehen. Du hast keine Bildung und keinen Geschmack. Eigentlich kommst du aus der Gosse. Tu doch nicht immer so, als wärst du etwas Besseres!“

Das saß. Der ganze Raum war verstummt. Viktoria hatte sich peinlich berührt abgewandt, Henrik ballte die Fäuste und ihr Vater starrte sie entsetzt an. Es schien, als hätten alle die Luft angehalten. Ein Teil von Charlie bereute ihre Worte sofort wieder. Sie wusste genau, wie nachtragend ihre Mutter sein konnte. Doch der andere, größere Teil dachte: „Das fühlte sich gut an. Hätte ich längst mal machen sollen.“

„Pieter?“, wandte Irina Sanders sich mit zusammengekniffenen Lippen an ihrem Mann, als wäre Charlie gar nicht anwesend. „Lässt du sie das einfach so sagen? Mich in meinem eigenen Haus so beleidigen?“

Müde sah ihr Vater auf, ließ wie ein trauriger Pudel die Schultern hängen. Dann räusperte er sich, tupfte sich umständlich mit der Serviette die Mundwinkel ab und kam zu einer Entscheidung.

„Charlotte …“, begann er zögernd, doch sie unterbrach ihn, weil sie ahnte, was kommen würde. Wie sehr sie sich gewünscht hätte, dass er einmal für sie Partei ergriff. Leider war das fünfundzwanzig Jahre lang nicht geschehen.

„Spar dir deine Worte.“ Sie bemerkte, wie ihre Stimme bebte. „Ich hätte ohnehin nicht herkommen sollen. Tut mir leid, Viktoria, wenn du unfreiwillig Zeugin eines Familienstreites geworden bist, aber … nun ja, ich fahre dann mal zurück nach Hause. In mein neues Zuhause. Und außerdem:“, nun wandte sie sich an ihre Mutter, „ich verdiene mein eigenes Geld und brauche eure finanzielle Unterstützung nicht. Vielen Dank.“

Sie straffte ihre Schultern und ging mit weichen Knien aus dem Raum, hinauf in ihr Zimmer. Ihr Herz klopfte wie wild und ihre Hände zitterten, als sie sich das Kleid und die passenden Pumps auszog und wieder in Jeans und Pulli schlüpfte. Doch auf keinen Fall wollte sie jetzt weinen. Sie biss sich in die Mundwinkel, um die Tränen zu unterdrücken, die in ihr lauerten.

Hastig packte sie ihre Sachen in den Trolley, tat noch ihre Lieblingspuppe und ihre beiden Tagebücher dazu und machte sich daran, das Haus zu verlassen und eventuell nie mehr zu betreten. Sie war wie erstarrt, als sie die Treppe herunterging. Ob noch eine Bahn in Richtung Marienburg fahren würde? Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als es zu versuchen. Sie ging am Wohnzimmer vorbei, ohne noch jemandem „Tschüss“ zu sagen. Drinnen hörte sie leises Geflüster.

Dann stand sie draußen im Regen. Gerade wollte sie die Einfahrt hinuntergehen, in der Hoffnung, bald einen Bus zu erwischen, als Fred neben ihr auftauchte und ihr sanft die Hand auf die Schulter legte.

„Elli hat mir erzählt, was passiert ist. Ich fahre dich.“

Sie wehrte ab. „Das ist nicht nötig, ich komme schon klar.“ Es fühlte sich nicht richtig an, jetzt noch den Chauffeur der Familie in Anspruch zu nehmen.

„Ich habe ohnehin schon Feierabend. Ich fahre dich, weil ich es möchte, in Ordnung?“

Sie packte ihren Koffer in den Kofferraum und öffnete die Beifahrertür.

„Darf ich ausnahmsweise hier sitzen?“

Überrascht sah er sie an, nickte aber und startete den Motor. Erst als er zur A7 anstatt in Richtung des Bahnhofs fuhr, verstand sie, was er vorhatte.

„Du kannst mich doch jetzt nicht bis nach Marienburg kutschieren. Das sind fast zwei Stunden nur für eine Strecke!“

„Natürlich kann ich und ich werde das auch. Glaubst du, ich lasse dich in dem Zustand einfach so am Bahnsteig zurück? Das würde Elli mir nie verzeihen, kannst du mir glauben.“

Diese Nettigkeit öffnete die letzten Schleusen in ihrem Inneren und ließ die Tränen herausströmen. Und weil es dunkel war, ließ sie sie einfach fließen, versuchte nicht, sie zurückzuhalten, sondern atmete bloß so flach wie möglich, in der Hoffnung, dass er ihr Weinen nicht bemerken würde.

Schweigend fuhren sie durch die Nacht, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, doch irgendwann schob er ihr stumm eine Kleenexpackung entgegen, die sie dankbar, aber ebenso wortlos entgegennahm.

Um ein Uhr nachts bog Fred in die kleine Gasse ein, in der Charlies Wohnung lag. Sie stiegen aus und er trug ihr kommentarlos den Koffer die kleine Treppe hoch, die zu ihrem Eingang im ersten Stock führte.

„Nett hast du es hier“, kommentierte er die bunt zusammengewürfelte Einrichtung. Viele der Möbel hatte sie von ihren Vormietern übernommen, einem Paar aus den USA, das zurück in die Staaten gegangen war.

„Geht ganz gut ohne Innenarchitektin, oder?“ Sie grinste. Dann wurde sie ernst. „Ich werde euch vermissen.“

„Wir dich auch. Pass gut auf dich auf und wenn du irgendetwas brauchen solltest…“

„Danke, das weiß ich zu schätzen.“

Nachdem er sich mit einer aufmunternden Umarmung verabschiedet hatte, fühlte sie sich wie der einsamste Mensch auf dem Planeten. Wie viele Leute wohl den Heiligabend allein verbrachten? (...)


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